Das Riesengebirge

(Verfasser: Hella Tegeler)

Das Riesengebirge ist das höchste europäische kontinentale Gebirge nördlich der Alpen und der Karpaten und liegt im Südwesten Schlesiens und im Nordosten Böhmens. Der schlesische Teil nimmt mit 185 qkm etwa ein Drittel der Gesamtfläche des Gebirges ein. Das Riesengebirge gehört zur Gebirgskette der Sudeten, die sich in West-, Mittel- und Ostsudeten gliedern. Es liegt in den Westsudeten südlich vom Hirschberger Talkessel, ist der höchste und schönste Teil in der Kette der Sudeten und das Gebirge Schlesiens; es ist das Land der Bauden und Rübezahls Reich.

Das Riesengebirge auf der schlesischen Seite wird begrenzt:
                                   im Osten vom Kolbenkamm,
                                   im Nordosten vom Landeshuter Kamm,
                                   im Westen vom Isergebirge,
                                   im Norden vom Hirschberger Talkessel.

Die höchste Erhebung ist die Schneekoppe (im Volksmund: "Die alle Gake"). Mit 1602 m ragt sie empor. Ihre Form gleicht einer unregelmäßigen dreiseitigen Pyramide. Nach Norden fällt sie steil ab in den Melzergrund und nach Süden in den Aupagrund. Es gibt nur wenige Gebirgsmassive, die von einem Gipfel so dominiert werden, wie das Riesengebirge. Jeder verbindet das Riesengebirge mit der Schneekoppe, jeder denkt eigentlich nur an sie, wenn von diesem Bergland die Rede ist.

Das Riesengebirge und die Schneekoppe wurden im Lauf der Zeit zu Oasen der Sommer- und Wintererholung. Ihre Popularität war unvergleichlich. Für die Bewohner Berlins, Dresdens, Leipzigs und Stettins, von den Breslauern ganz zu schweigen, war es das am nächsten gelegene, das am leichtesten zugänglich und fremdenverkehrsmäßig am besten bewirtschaftete höhere Gebirge. Es zogen also regelrechte Pilgerscharen aller Altersgruppen und sozialer Herkunft hierher. Von diesem Fremdenverkehr profitierten auch die kleinen Dörfchen im Riesengebirge, wie z. B. Haselbach, Pfaffendorf usw.

Durch Verwitterung entstanden auf dem Kamm und im Vorgebirge zahlreiche Felsgruppen, die merkwürdige Formen zeigen und schon früh den Volksmund zu Namen anregten: Mittagssteine, Quarksteine, Pferdekopfsteine, Sausteine u.a.  Die Mittagssteine, die deutlich vom Hirschberger Kessel aus sichtbar sind, waren nicht nur früher ein topographischer Orientierungspunkt, sondern auch ein chronographischer. Sie dienten den Dorfbewohnern am Fuße des Berglandes als eine Art Sonnenuhr, daher auch ihr Name.

Infolge der geographischen Lage als Wetterscheide zwischen Böhmen und Schlesien herrscht im Riesengebirge ein sehr raues und wechselhaftes Klima. Eine wichtige Form der Niederschläge ist der Schnee. Im Gebirgsvorland schneit es im Durchschnitt an 50 Tagen im Jahr, auf den Gipfeln an bis zu 120 Tagen, auf der Schneekoppe an 176 Tagen. Der erste Schnee fällt oft bereits im September oder Oktober, der letzte im Mai. Es sind jedoch auch schon Schneefälle im Juni verzeichnet worden.

Das Riesengebirge ist von einer einzigartigen Schönheit, an der sich auch viele berühmte Maler begeistern konnten, vor allem Caspar David Friedrich (1774 - 1840). Im Juli 1810 startete er zu einer langen Wanderung, stieg hinauf durch Moore und Steinhalden, überquerte die mit schütterem Knieholz bedeckten Hänge. Sein Ziel war stets der Kamm, wo das Auge an keine Grenze mehr stößt. Unter ihm staffelten sich die Berge, tief schnitten die Flusstäler ins Massiv. Ringsum sah er erstarrtes Gestein, aber auch Bilder flüchtiger Bewegung: Nebelfetzen, die den Hang emporkriechen, Regenschauer, die über den Kamm fließen und gleißende Lichtstrahlen. Alles, was er beobachtete, hielt er in Bleistiftskizzen und Farbnotizen fest - der Grundstock für seine später geschaffenen Gemälde. Diese Schönheit begeisterte auch Hans Zuchhold aus Haselbach zu folgendem Gedicht:

 Entwölktes Gebirge

Wie von zauberischen Händen
ist der Vorhang aufgetan,
und aus dunklen Wolkenwänden
wölbt sich des Gebirges Plan.

Während in der Tageshelle
jedes Räuchlein rasch verfliegt,
hat sich, wie in sanfter Welle,
Berg zu Berg ins Licht gewiegt.

Auch die Koppe hebt die blanken
Schultern aus dem grauen Flor,
aus den Wogen, die versanken,

steigt sie wie ein Turm empor.


Und sie wendet die befreite

Stirn zum Dom des Himmels hin,
eine Siegerin im Streite,

leuchtend, uns`re Königin.