Rudelstadt (Ciechanowice)

(Verfasser: Hella Tegeler)

Rudelstadt liegt 12 km nördlich von Landeshut im Bobertal, eingebettet zwischen den Bleibergen nördlich und dem Ochsenkopf und Scharlach südlich.

Am 09.09.1203 schenkte Herzog Heinrich I. dem Kloster Leubus 500 Hufen Land im Waldgebirge mit dem damaligen Namen Cholme, worauf Mönche mehrere Dörfer, darunter Rudelsdorf errichteten. Der Ort gliederte sich in Jägendorf und Rudelsdorf. Im Jahr 1451 verkauften Opitz von Czirn und Hain von Czirn, Ritter auf Bolkenhain, die Dörfer Streckenbach und Jägendorf an Hans von Seitendorf. Das Czirnsche Geschlecht wurde Ende des 15. Jahrhunderts durch das Reichenbachsche Geschlecht abgelöst. Im Jahr 1637 gingen Rudelsdorf und Jägendorf an Hanns Christoph von Schweinitz über. Einer dieses Geschlechts erbaute 1732 das Schloss.

Die Zeit der schlesischen Kriege war für Rudelsdorf und Umgebung sehr belastend. Die Bevölkerung verarmte mehr und mehr. Aus diesem Grund fasste der Gutsherr 1746 den Entschluss, den Bergbau wieder aufzunehmen. Am 29.03.1747 erhielt er die Erlaubnis zur Errichtung eines Bergamtes und zur Errichtung von Poch- und Schmelzhütten. Die erste Kupferausbeute am 22.12.1747 betrug 47 Pfund. Freiherr von Schweinitz kaufte das wüst liegende Rungesche Gut und errichtete hier im Mai 1748 vier Häuser. Sie waren der Anfang des Ortes Adlersruh. Das Kupferbergwerk gewann immer mehr an Ausdehnung. Es zogen Handwerker zu, so dass sich Rudelsdorf zu einer aufblühenden Gemeinde entwickelte. Durch königliche Konzession vom 31.01.1754 wurde der Ort freie Bergstadt. Es war dies die erste Stadterhebung unter Friedrich dem Großen. Rudelsdorf und Jägendorf hießen nun Rudelstadt. Die Stadtrechte hat Rudelstadt aber nie ausgeübt, sondern ist immer Landgemeinde geblieben. Im Jahre 1763 ging das Gut Rudelstadt in den Besitz des Freiherrn von Seherr-Thoss über. Nach dessen Tod übernahm den Besitz seine Schwester, die Gemahlin des Generals von Prittwitz. 1781/82 legte sie die Kolonie Prittwitzdorf an. Im späten 19. Jahrhundert ging Gut Rudelstadt an den sächsischen Kammerherrn von Beust über. Dieser verkaufte es Anfang 1900 an Freiherrn Senfft von Pilsach, und dieser wiederum an den Bankier Eduard von Eichborn.

Im Jahre 1924 wurde Adlersruh nach Rudelstadt eingemeindet und 1928 folgten Prittwitzdorf und der Gutsbezirk. Die Gemeinde Rudelstadt hat viele Wandlungen durchgemacht. Nach der Kreisreform vom 01.10.1932 wurde der Kreis Bolkenhain aufgelöst und dem Kreis Landeshut zugeschlagen. Da sich diese Neugestaltung jedoch als unzweckmäßig erwies, wurde der gesamte Kreis Bolkenhain am 01.10.1933 aus dem Kreis Landeshut in den Kreis Jauer eingegliedert. Am 01.04.1936 wurde Rudelstadt gemeinsam mit den Orten Merzdorf (Riesengebirge) und Ruhbank wieder in den Kreis Landeshut integriert, dem sie bis 1945 angehörten. 1939 lebten 1.512 Einwohner in Rudelstadt. Heute gehört Rudelstadt zur Landgemeinde Marciszów (Merzdorf).

Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Flecken und Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Schlesischer Gebirgsbote
- Schwanitz, Jürgen: Rohnau am Scharlachberg, Metten 2003, 2. Aufl.
- Wikipedia
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785

Das evangelische Bethaus rechts im Bild

Das Postamt rechts im Bild

Der Bahnhof:

Rudelstadt liegt an der Bahnstrecke Wroclaw (Breslau) - Zgorzelec (Görlitz). Sie ist eine Hauptbahn in Polen, die 1866 von der Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahngesellschaft und den Preußischen Staatsbahnen erbaut wurde. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Strecke elektrifiziert. Den Güterbahnhof erhielt Rudelstadt ungefähr 1911/12. Sie verläuft in Niederschlesien von Wroclaw (Breslau) über Walbrzych (Waldenburg) und Jelenia Góra (Hirschberg) nach Zgorzelec (Görlitz). Der Abschnitt Walbrzych (Waldenburg) - Zgorzelec (Görlitz) ist Teil der Schlesischen Gebirgsbahn.

Der Bahnhof

Der Bahnhof heute

Die katholische Pfarrkirche:

Die katholische Pfarrkirche St. Augustin wurde erstmalig im Jahre 1335 erwähnt, 1577 grundlegend umgebaut und 1601 erweitert. Östlich des Chores befindet sich eine Grabkapelle mit Kreuz-gratgewölbe, in der Mitglieder des Adelsgeschlechtes von Reichenbach bestattet wurden. Weitere Epitaphien befinden sich in der Krypta.

Die katholische Pfarrkirche

Blick auf den Altar der katholischen Pfarrkirche

Die evangelische Kirche:

Im Jahre 1742 erhielt die evangelische Bevölkerung die Genehmigung zur Errichtung eines Bethauses. Bis zu diesem Zeitpunkt versammelten sich die evangelischen Gläubigen jeden Sonnabend um 14.00 Uhr, um nach Jauer zum sonntäglichen Kirchgang zu gehen. An diese Zeit des Kirchganges nach Jauer erinnerte bis zum ersten Weltkrieg das 2-Uhr-Läuten jeden Sonnabennachmittag. 
In den 1950er Jahren wurde das Bethaus abgerissen.

Die Bethauskirche (Aufnahme: 1937)

Von links nach rechts: die Bethauskirche, die katholische Schule, 

die katholische Pfarrkirche.

Die Schulen:

In Rudelstadt gab es früher 4 Schulen:
1. Die katholische Schule im Hauptort
2. Die evangelische Schule
3. Die sog. Gutsche-Schule in Adlersruh
4. Die Schule in Schönbach

Die katholische Volksschule im Hauptort (Aufnahme: 1992)

Schülerinnen und Schüler vor der katholischen Volksschule 

im Jahre 1924

Die sog. Gutsche-Schule in Adlersruh im Jahre 1987

Schlesischer Heimatabend der Schönbacher Schule.
 Leiter des Abends: Lehrer Schulze und Frau (Aufnahme: 1921)

Das Schloss:

Das Schloss - Zeitgenössische Darstellung

Das Schloss - heute

Die Gastronomie:

In Rudelstadt gab es früher 7 Gaststätten:

Im Hauptort Rudelstadt:
1. Haus Nr. 23                                       Gasthof "Zur Brauerei"
2. Haus Nr. 33                                      Fleischer und Gasthausbesitzer Hermann Simon
3. Haus Nr. 151                                     Wild`s Gasthof
4. Haus Nr. 157                                    Gastwirt und Viehhändler Bernhard Kammer

Im Ortsteil Adlersruh:
5. Haus Nr. 50                                     Gasthaus des Wilhelm Brunzel
zusätzlich gab es in Adlersruh auch eine Likörfabrik - Haus Nr. 1: Rudolf Balzer

Im Ortsteil Prittwitzdorf:
6. Haus Nr. 1                                         Gerichtskretscham

Im Ortsteil Schönbach:
7. Haus Nr. 4                                        Land- und Gastwirt Eduard Burghardt

1. Im Hauptort Rudelstadt:

Haus Nr. 23 - Gasthaus "Zur Brauerei"

(Besitzer: Eduard Scharf)

Haus Nr. 33 - Gasthaus und Fleischerei des Hermann Simon

(Aufnahme: 1978)

Rudelstadt - Haus Nr. 151 

(Gasthof des Heinrich Wild, später Besitzer Ernst Reichstein)

Innenansicht des Gasthofes

2. Im Ortsteil Adlersruh:  (Gasthaus des Wilhelm Brunzel)
Die Gaststätte des Bauern Wilhelm Brunzel war die frühere Raststätte für Gespanne, die von Hirschberg in Richtung Landeshut fuhren, oder in die entgegengesetzte Richtung. Das Rasthaus lag auf gleicher Höhe wie die kleinste Stadt Schlesiens, Kupferberg, die nur 2 km entfernt lag und auf dieser Strecke durchfahren werden musste. Dieser Ort lag deshalb so günstig, weil in beiden Richtungen vorher große Steigungen zu überwinden waren. Pferde und Kutscher hatten eine Ruhepause verdient. Von Landeshut kommend begann die Steigung bereits in Oberrudelstadt. Aber zwischen den Dörfern Prittwitzdorf und Adlersruh war der gefürchtete Buchhübel (Buchenhügel) mit einer Steigung teilweise bis zu 8 % zu überwinden. Von Hirschberg kommende Fuhrwerke hatten noch größere Steigungen zu überwinden. Von Jannowitz nach Kupferberg mussten, bevor die Straße für den Autoverkehr gebaut wurde, ca. 800 m bei einer Steigung von 12 bis 15 % überwunden werden. In den Wintermonaten war die Straße zwischen Adlersruh und Kupferberg nicht befahrbar. Der Brotwagen, der von Rudelstadt auch das Gebirgsdorf Waltersdorf am Ochsenkopf mit Backwaren belieferte, musste teilweise mit dem Schlitten querfeldein fahren. Es gab aber auch Winter, in denen mehrere Wochen die Versorgung der Ortschaft Waltersdorf nur mit Handschlitten und auf Skiern getätigt wurde.

Haus Nr. 50 - Gasthaus des Wilhelm Brunzel

Haus Nr. 50 - Gasthaus des Wilhelm Brunzel

Brotwagen der Obermühle Rudelstadt am Adlersberg in Adlersruh

Haus Nr. 1 - Rudolf Balzer, Likörfabrik, Fruchtsaftpresserei, 
Obst- und Beerenweinkellerei

3. Im Ortsteil Prittwitzdorf:

Haus Nr. 1 - Der Gerichtskretscham
(Besitzer: Emil Minkus, danach Wilhelm Alt und später Erich Schüller)

Haus Nr. 1 - Innenansicht

Die Malzfabrik:

Die Malzfabrik in Rudelstadt war ein Zweigbetrieb der Engelhardt-Brauerei AG in Berlin. Auch im Jahre 1973 war die Malzfabrik noch in Betrieb. Dort wurde Malz hergestellt und an andere Brauereien abgesetzt. Später wurde der Betrieb eingestellt und die Gebäude abgerissen.

Die Malzfabrik (Aufnahme vor dem Krieg)

Die Malzfabrik (Aufnahme: 2006)

Die Merzdorf-Rudelstädter Dampfziegelei:

Im Jahre 1900 wurde die Merzdorf-Rudelstädter Dampfziegelei GmbH gegründet. Es wurden Mauerziegel, Deckenziegel und Drainagerohre hergestellt. Da eine künstliche Trocknung vorhanden war, konnte trotz der hohen Gebirgslage ununterbrochen im Sommer und Winter gearbeitet werden. Mauerziegel wurden in der Umgebung und im Waldenburger Kohlerevier abgesetzt. Deckenziegel verkaufte man bis nach Dresden und Berlin. Sogar für das Posener Schloss wurden Deckenziegel geliefert.

Es war ein Ringofen und ein Zickzackofen vorhanden. Die Verladung erfolgte direkt aus den Öfen mit einer Feldbahn in die Eisenbahnwaggons. Nach dem ersten Weltkrieg ging der Betrieb an die Fuchsgrube in Neu Weißbach und später gemeinsam mit dieser an die Niederschlesische Bergbau AG Waldenburg über. Bis zum Jahre 1905 lag die Leitung in den Händen des Direktors Fritz Berger. Dieser wurde abgelöst durch Direktor Karl Ries, der diese Tätigkeit 40 Jahre ausübte.

Haus Nr. 20 - Schmiede und Stellmacherei von Gustav und 

Martin Ermlich (Aufnahme: 1990)

Haus Nr. 30 - unterhalb der kath. Kirche - Gemischtwarenhändler Walter Mönch, links daneben das Haus von Oefler und Posthalter Franke (Aufnahme: 1912)

Haus Nr. 55 - Wilhelm Fulde, Ziegelei- und Sägewerksbesitzer

Haus Nr. 136 - Wilhelm Riedel, Mühlenbesitzer

Im Ortsteil Adlersruh betrieb Helmut Bettermann, Haus Nr. 48,  eine Landwirtschaft und zugleich ein Kolonialwarengeschäft. Im Jahre 1943 zog die Familie nach Mittelkonradswaldau und übernahm dort das Kolonialwarengeschäft Reichelt. 

Die "Otto - Mühle"

Rudelstadt, Nr. 136

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Der ehemalige Besitzer der "Niedermühle" war der am 20. April 1853 in Seitendorf a. d. Katzbach als Sohn des Müllermeisters Otto geborene Gustav Otto. Nach Abschluss seiner Schulausbildung erlernte er bei seinem Vater das Müllerhandwerk. Als Müllergeselle ging er anschließend, wie früher üblich, auf Wanderschaft. Sein Weg führte ihn durch Mitteldeutschland bis in das Lahntal.

Im Frühjahr 1878 erwarb er für 23.000 Thaler die "Niedermühle", bestehend aus einem ein-stöckigen Wohnhaus einschließlich darin befindlichem Mühlenteil, Stallungen, landwirtschaftlichen Gebäuden und 40 Morgen Acker und Wiese. Finanziell unterstützt wurde er von seinem Vater und dem künftigen Schwiegervater, dem Müllermeister Kretschmer aus Ober-Kauffung a. d. Katzbach. Die Hochzeit mit Henriette Kretschmer erfolgte im Sommer 1878.

Umfangreiche Um- und Neubauten in den folgenden Jahren machten aus der veralteten Mühle einen modernen Betrieb, der in den 1890er Jahren auch mit einer eigenen elektrischen Lichtanlage ausgestattet wurde. Zu dem Mühlenbetrieb gehörte auch eine eigene Bäckerei, in der monatlich ca. 8.000 Brote und für etwa 2.000 RM Weißwaren gebacken wurden.

Die Ehe der Eheleute Gustav und Henriette Otto war kinderlos. Daher wurde der Neffe Willi Riedel als Nachfolger vorgesehen und erhielt eine entsprechende Ausbildung. Gustav Otto verstarb am 4. Juli 1916, seine Ehefrau am 30. Januar 1925. Die Mühle seines verstorbenen Onkels erwarb Willi Riedel 1919 und führte sie nicht nur im Sinne seines Onkels erfolgreich weiter, sondern vergrößerte sie auch im Laufe der Jahre. Alle Mühen machte der 2. Weltkrieg aber zunichte. Willi Riedel ist im 2. Weltkrieg gefallen, ebenso sein Sohn Helmut. Sein zweiter Sohn gilt als vermisst.

Mühlenbesitzer Gustav Otto (20.04.1853 - 04.07.1916)

Mühlenwagen der "Otto-Mühle"

Belegschaft der "Otto-Mühle"

Mehlsack der "Otto-Mühle"