Görtelsdorf (Gorzeszów)

(Verfasser: Hella Tegeler)

Görtelsdorf liegt nordöstlich von Schömberg und gehört heute mit seinen 206 Einwohnern zur Landgemeinde Kamienna Góra (Landeshut).

Erstmalig urkundlich erwähnt wird der Ort 1292 unter dem Namen "Gurtilerisdorf". Die Herkunft dieses Namens ist nicht bekannt. Er könnte evtl. vom Namen des Siedlungsnehmers (auch "Lokator" genannt) stammen. Der Ort gehörte zu den 14 Dörfern, die in der Stiftungsurkunde des Klosters Grüssau aufgeführt sind. Die katholische Kirche befand sich in Neuen. Die evangelischen Bewohner gehörten zum Kirchspiel Liebau.

Im Jahre 1875 wurde das katholische Schulgebäude errichtet. Es handelte sich um eine dreiklassige Schule. Nach den ersten 2 Jahren wechselten die Schüler aus der Unterklasse in die Mittelklasse und nach weiteren 2 Jahren in die Oberklasse. Einwohnerzahl: 1925 = 478 (davon 89 evangelisch), 1939 = 450. Auch Görtelsdorf war überwiegend landwirtschaftlich geprägt, fast 60 % der Bewohner arbeiteten in der Landwirtschaft, 21 %waren Handel- oder Gewerbetreibende. Die Wahrzeichen von Görtelsdorf sind der sagenumwobenen Teufelsstein und die bekannten Zwergsteine. Früher gehörte auch die historische Pohlkapelle dazu.

Der Teufelsstein zu Görtelsdorf (Sagensammlung von Patschovsky)
In Görtelsdorf lebten einst einige Männer, welche dem Laster des Trunkes und des Kartenspiels ergeben waren. Bei ihren wüsten Zechgelagen führten sie gotteslästerliche Reden, und beim Kartenspielen sprachen sie die abscheulichsten Verwünschungen und Flüche aus. Stets entheiligten sie den Sonntag und gaben durch ihr Verhalten den Menschen das größte Ärgernis. Die Männer spielte und zechten sogar an Sonn- und Feiertagen während des Gottesdienstes und auch ununterbrochen an den letzten drei Tagen der Karwoche. Dem Teufel gefiel das Treiben dieser Männer, und damit sie keine Zeit haben sollten, sich zu bekehren, beschloss er, sie in ihren Sünden zu töten, denn dann gehörten sie ihm ganz für immer. Die Macht, sie zu töten, besaß er aber nur in der Nacht in der Zeit von 12 Uhr ab bis zum ersten Hahnenschrei, denn mit dem letzteren war seine Gewalt gebrochen. Einst spielten diese Männer in der Adventszeit wieder die Nacht hindurch im Görtelsdorfer Kretscham, worüber sich der Teufel sehr freute, und er fasste jetzt den Entschluss, die Männer zu töten. Er ging deshalb nach Adersbach, wählte sich aus den Felsen einen passenden Stein, schlang ihn an einer Kette fest und trug ihn auf dem Rücken bis auf einen Berg in der Nähe von Görtelsdorf. Von hier aus wollte er den Stein auf den Kretscham schleudern, diesen zertrümmern und somit die Männer erschlagen. Es war am frühen Morgen, die Nacht breitete noch tiefe Finsternis über die ganze Gegend aus. Die Kirchenglocken waren erst verstummt und die frommen Ortsbewohner eilten zur Kirche, um der Roratemesse beizuwohnen. Plötzlich vernahmen die Spieler im Kretscham ein mächtiges, unheimliches Rauschen und gleich darauf einen gewaltigen Stoß, durch den das alte Wirtschaftsgebäude so erschüttert wurde, dass es in allen seinen Fugen krachte und dass die Fensterscheiben zitterten und klirrten. Zu Tode erschrocken falteten die Männer die Hände zum Gebet, und eine feierliche Stille trat darauf ein. Die Ursache von dem Rauschen und der furchtbaren Erschütterung war folgende: Der Teufel hatte den Stein nach dem Kretscham geworfen, aber während der Stein durch die Luft flog, ertönte zufällig ein Hahnenschrei, durch den die Macht des Teufels gebrochen wurde. Der Stein erreichte nun den Kretscham nicht mehr, sondern fiel schon 300 Schritte von ihm entfernt nieder. Er ist jetzt dort zu sehen und heißt "der Teufelsstein" (s. folgendes Bild). Die Männer, welche nur mit knapper Not dem Tode entgangen waren, nahmen sich diese Warnung zu Herzen, entsagten dem Trunke und führten fortan ein christliches Leben.

Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Flecken und Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Pohlendt, Heinz: Die Landeshuter Passlandschaften, Priebatschs Buchhandlung Breslau 1938
- Ueberschär - Patschovsky - Nagel: Die Sagen des Kreises Landeshut, hrg. E. Rock, Wolfenbüttel 
   1950
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785

Blick auf Görtelsdorf

Blick auf Görtelsdorf

Die neue katholische Volksschule:

Das Schulgebäude wurde im Jahre 1875 errichtet. Die Schule enthielt zwei übereinander liegende große Klassenzimmer. Im Dachgeschoss befanden sich die Räume der zweiten Lehrerwohnung. Links von dem mit einer Treppe versehenen Haupteingang befand sich die Wohnung des ersten Lehrers mit darüber liegenden Fremdenzimmern, Dachkammern und Bodenraum für Schul- und Gemeindeakten.

Es handelte sich um eine dreiklassige Schule mit ca. 80 bis 90 Kindern. Der Unterricht wurde von zwei Lehrkräften erteilt. Bei zufriedenstellenden Leistungen wechselte man nach den ersten zwei Jahren aus der Unterklasse in die Mittelklasse. Nach weiteren zwei Jahren erfolgte der Übergang in die Oberklasse, um nach weiteren vier Jahren den Schulabschluss zu erreichen. Wer nach achtjährigem Schulbesuch als Junglandwirt oder Lehrling im Dorfe blieb, erhielt in den gleichen Räumen als Fortbildungsschüler einen weiteren Schliff für das spätere Leben. Dieser Unterricht wurde in einem dreijährigen Zeitraum während des Winterhalbjahres in den Abendstunden gegeben.

Die katholische Volksschule

Schulklasse mit dem Lehrer Kindler (Aufnahme: 1924)

Die "Alte Schule"
Nach dem Neubau des Schulgebäudes im Jahre 1875 wurde die "Alte Schule" Gemeindehaus und diente fürsorgebedürftigen Personen als Wohnung. Nach dem 1. Weltkrieg wurde eine Jugenherberge eingerichtet. Im Jahre 1935 erfolgte der Abbruch des Hauses.

Der Innenraum der Jugendherberge

Der Kindergarten "Zwergenhäusel"
Er befand sich hinter der Schule.

Vor dem Kindergarten "Zwergenhäusel"

Haus Nr. 51 - Warenhandlung Alfred Walter

Haus Nr. 60 - Alfred Wiesner

Haus Nr. 116 - Bäckerei und Warenhandlung Kattner

Im Jahre 1904 fiel das im Oberdorf gelegene Gasthaus "Zum Kaiser Friedrich" einem Brand zum Opfer. Der damalige Eigentümer Johann Klenner baute den Gasthof wieder auf. Letzter Eigentümer war der Landwirt Richard Scharf, der neben der Landwirtschaft auch noch ein Fuhr- und Handelsgeschäft betrieb. Pächter der Gastwirtschaft war seit 1930 bis zur Vertreibung Adalbert Meier.

Auf dem folgenden Foto ist der Gerichtskretscham abgebildet, der im Jahre 1942 von August Jungnitsch übernommen wurde. 

Das kleine Haus im Vordergrund - Nr. 70 (Wilhelm Klügel), dahinter 

Nr. 69 ( Schuhmacher August Hoffmann), es folgt Haus Nr. 67 (Werkstatt und Wohngebäude des Tischlermeisters Richard Rösner), ganz rechts - Haus Nr. 11 (Bauerngut des Berthold Stief)

Haus Nr. 86 - Die Mittelmühle - Mühlenbesitzer: Robert Kießling

Haus Nr. 101 - Familie Berthold Demuth
(Aufnahme: 1991) 

Vorderansicht des Hauses Nr. 101

Bauernhäuser von links: Haus Nr. 114 - Bauer Heinrich Wesner; 
Nr. 117 - Landwirt Theodor Langer; Nr. 4 - Bauer Wilhelm Wesner

Das Heidevorwerk

Sedanfeier der Görtelsdorfer und Kindelsdorfer Schule im Jahre 1910

Wallfahrt nach Albendorf

Die Freiwillige Feuerwehr:

Während eines Brandeinsatzes bei Otto Teichmann ereignete sich am 21. September 1934 ein Spritzenunglück, siehe folgendes Bild.

Der Militärbegräbnisverein Görtelsdorf - Neuen

Dieser Verein wurde im Juni 1853 gegründet. Die Veteranen der Freiheitskriege wollten sich in kameradschaftlicher Verbundenheit ein ehrenvolles, soldatisches Begräbnis sichern. Mit ehrenvollem Geleit und begleitender Musikkapelle wurde jeder Kamerad zum Friedhof der Pfarrkirche St. Laurentius in Neuen getragen. Da dieser über 2 km lange Weg, besonders bei schlechtem Wetter im Winter, oft sehr beschwerlich war, wurde im Winter 1927 ein Leichenwagen angeschafft und der, da ein Kriegerdenkmal noch nicht vorhanden war, gleichzeitig den im Weltkriege gefallenen Kameraden gewidmet. Dies kam auf den im Verdeck angebrachten Ornamenten zum Ausdruck. Die Anschaffungskosten betrugen fast 2.000 RM, die durch Anteile und Spenden finanziert wurden. Er war einer der schönsten Leichenwagen im ganzen Kreisgebiet.

Die Pohlkapelle:

Welche Verbindung besteht zwischen dem Haselbacher Gerichtskretscham und der Pohlkapelle in Görtelsdorf?

Die Pohlkapelle in Görtelsdorf

Der Gerichtskretscham in Haselbach um 1900


Den wenigsten Leserinnen und Lesern wird bekannt sein, dass zwischen dem Haselbacher Gerichtskretscham und der Pohlkapelle in Görtelsdorf eine Verbindung besteht. Sie reicht weit zurück und führt uns in die Zeit des 30-jährigen Krieges.

Das Vorhandensein eines Scholzen in Haselbach wird erstmals im Jahre 1400 urkundlich erwähnt. Damals gehörte Haselbach noch zum Grüssauer Klosterbesitz. Der Name des Scholzen ist allerdings nicht bekannt. Das heute noch bestehende Gebäude des früheren Gerichtskretschams soll angeblich aus dem Jahr 1546 stammen. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte der Kretscham mehrfach den Besitzer. Die letzten Eigentümer vor der Vertreibung waren die Eheleute Oley (ab 1935). Davor war der Gerichtskretscham seit ca. 1860 mit einigen Unterbrechungen im Besitz der Familien Scholz/Rummler (meines Ur-Urgroßvaters Carl Gottlieb Scholz sowie meiner Urgroßmutter Pauline Rummler, geb. Scholz).

Anhand der katholischen und evangelischen Kirchenbücher von Landeshut und Haselbach konnte bisher nachgewiesen werden, dass die Scholtisei in Ober-Haselbach fast 2 Jahrhunderte im Besitz einer Familie Pohl war. Im Jahr 1622 wird Georg Pohl als Erb- und Gerichtsscholze in Ober-Haselbach erwähnt. Sein Sohn Johannes heiratete ca. 1630 Elisabeth Friedrich aus Görtelsdorf und wird durch diese Einheirat später Vorwerksbesitzer in Görtelsdorf. Die Überlieferung besagt, der gebürtige Ober Haselbacher Johannes Pohl sei während des 30-jährigen Krieges erschlagen worden, und deshalb sei an dieser Stelle die zum Hof gehörende Pohlkapelle errichtet worden.

Über diese Pohlkapelle gibt es folgende Sage, die aus dem Sagenbüchlein des Hauptlehrers W. Patschowsky aus Liebau stammt:
Im Jahre 1632 drangen zügellose Kriegerhorden auch bis nach Grüssau und verübten dort die schrecklichsten Greueltaten. Zu dieser Zeit lebte im Palmenvorwerk zu Görtelsdorf ein frommer, bejahrter Mann mit Namen Pohl, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein bedeutendes Vermögen erworben hatte. Die Soldaten hatten auch sein Vorwerk ausgeplündert, und nur ein einziges Schaf war übrig geblieben. Das hätte Pohl gerne für sich behalten; aber auch dieses letzte Stück Vieh wurde von den schwedischen Soldaten weggetrieben. Pohl ging den Soldaten nach und bat um die Rückgabe des Schafes, aber die Schweden hatten kein Erbarmen. Mit unglaublicher Rohheit fielen sie über den wehrlosen Greis her und erschlugen ihn mit den Flintenkolben. An der Stelle, wo die Schweden diese Bluttat vollbrachten, ist eine Kapelle erbaut worden, welche den Namen Pohlkapelle führt.

Diese schlichte, einfache Kapelle stand in Görtelsdorf unweit des Palmenhofes an der Weggabelung zur Hauptstraße nach Neuen und dem Fußweg ins Niederdorf. Die Tür war mit einem kleinen Holzgitter versehen. An der Nordwand stand ein schlichter Altar und rechts und links davon befanden sich zwei fast lebensgroße Heiligenfiguren, die aus Lindenholz geschnitzt waren.

Abschließen möchte ich diesen Bericht mit einigen Versen eines Gedichtes des Lehrers Hellwig, der um 1880 an der Görtelsdorfer Schule tätig war und das grausige Geschehen in Gedichtform für die Nachwelt festgehalten hat:
                                                        Unfern Grüssau - hin nach Böhmen,
                                                        bei dem Orte Görtelsdorf,
                                                        steht an einesam öder Stelle
                                                        eine niedrige Kapelle
                                                        dicht am Fußweg in das Dorf.

                                                         Dort am Weg, auf freiem Feld,
                                                         wo der Pohl erschlagen ist,
                                                         auf der blutgetränkten Stelle,
                                                         baute man die Pohlkapelle,
                                                         wo sie noch zu sehen ist.

                                                         Führt dein Pfad dich da vorüber,
                                                         Wanderer, laß ruhn den Stab,
                                                         bet` zu Gott mit frommer Bitte,
                                                         dass er vor der Sünd` dich behüte -
                                                          denn sobald gräbt man dein Grab.