Familie Hamburger aus Schmiegel

(Verfasser: Hella Tegeler)

In Schmiegel - nördlich von Fraustadt gelegen - stand die Wiege der Familie Hamburger. In einer Urkunde von 1428 heißt der Ort Smigel. Die Gegend war schon früh besiedelt. Im Bereich der Stadt sind Begräbnisstätten aus heidnischer Zeit gefunden worden. Die aus einem Dorf hervorgegangene Ortschaft soll schon vor 1400 Stadtrechte gehabt haben.
Von 1887 bis 1918 war Schmiegel Kreissitz des preußischen Kreises Schmiegel in der Provinz Posen. Nach dem Ersten Weltkrieg musste Schmiegel aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages an die Zweite Polnische Republik abgetreten werden. Nach der deutschen Besetzung 1939 und der Wiedereingliederung in das Deutsche Reich gehörte die Stadt bis 1945 zum Landkreis Kosten im deutschen Besatzungsgebiet Reichsgau Wartheland.

Jüdische Familien sollen bereits um 1400 in Schmiegel ansässig gewesen sein, denn am 11. November 1415 wurde der Stadt der Garten, " welcher da heißet der Judenplatz", geschenkt. Später wurden Juden in Schmiegel nicht geduldet. Erst seit dem Lissaer Brand im Jahre 1767 wohnte wieder eine "ziemliche Anzahl von Juden, welche mit Einwilligung der Grundherrschaft auch eigentümliche Häuser haben". Im Jahre 1857 lebten in Schmiegel 77 jüdische Familien, es gab eine Synagoge und eine jüdische Schule. Zu den Vorstehern der jüdischen Gemeinde gehörten u. a. auch Mitglieder der Familie Hamburger.

Die Familie Hamburger war in Schmiegel zahlreich vertreten und weit verzweigt. Soweit bekannt, ist der Spitzenahn der Familie der Kaufmann Meier Hamburger, der am 11.03.1822 in Schmiegel verstarb. Aus seiner Ehe mit Nachem Süsskind stammen 6 Kinder u. a. Zacharias Hamburger, Großvater des Firmengründers der Albert Hamburger AG in Landeshut. Sohn "Itzig" Zacharias Hamburger (kurz I. Z. Hamburger), der Vater des Firmengründers, handelte mit Textilien. Im Jahre 1829 eröffnete dieser in Schmiegel einen Laden für Leinen und Textilien. Zu diesem Zeitpunkt war er erst 18 Jahre alt und hatte ein Jahr zuvor Henriette Löwenthal geheiratet. Trotzdem wagte er aber den riskanten Schritt in die Selbstständigkeit. Er handelte "en gros", die Ware beschaffte er auf den Messen in Frankfurt/Oder und Leipzig und durch die Belieferung von Jahrmärkten erweiterte er seinen Kundenkreis. Mit einem dreispännigen Fuhrwerk zog er wöchentlich von Sonntag bis Donnerstag über Land. Frühmorgens lieferte er seine Waren an die Kleinhändler, die dem Jahrmarktspublikum ihre Angebote machen wollten. I. Z. Hamburger musste also sehr zeitig am Markt präsent sein; die Fahrten wurden oft in die Nacht gelegt. Sein ältester Sohn Hermann erinnerte sich später: "Man nannte damals den Handel meines Vaters "das Geschäft der drei Ellen" (Leinwand - Leder - Lumpen). Die Jahrmärkte verteilten sich auf die Tage Montag bis Donnerstag, der übrige Teil der Woche blieb frei. Der Handel befand sich damals ganz in den Händen der jüdischen Kaufleute, und so konnten die Behörden nicht umhin, bei Festsetzung der Jahrmärkte Rücksicht auf die jüdischen Feiertage und Ruhetage zu nehmen.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Firma zu einem erfolgreichen Unternehmen, welches nicht nur in der Provinz, sondern auch in der Stadt Posen bekannt wurde. Im Jahre 1857 zog "Itzig" Zacharias Hamburger mit seiner Familie nach Breslau. Hier gründete er die Firma I. Z. Hamburger & Co. und betrieb sie ab 1870 gemeinsam mit seinen drei Söhnen Hermann, Heinrich und Albert. Sie entwickelten das Geschäft zu einem der führenden Breslauer Textilhäuser.

Während "Itzig" Zacharias Hamburger geschäftliche Erfolge erzielen konnte, musste er privat einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Seine Ehefrau Henriette verstarb bereits am 25.02.1840. Zu diesem Zeitpunkt war sein Sohn Hermann erst drei Jahre alt. Im Jahre 1841 heiratete er seine Cousine Minna Hamburger. Aus dieser Ehe stammen 5 Kinder, Heinrich, Albert, Rosa, Hulda und Karl.

Albert, der Jüngere der drei Brüder, begab sich 1871 nach Landeshut und gründete in diesem Jahr eine Mechanische Leinenweberei, Färberei und Ausrüstungsanstalt, die seinen Namen erhielt. Verheiratet war Albert Hamburger mit Eugenie Löwenthal. Während der Ehe wurden drei Söhne geboren, Hugo (1878 - 1895), Felix (1882 - 1901) und Max (1887 - 1985). Den frühen Tod seines ältesten Sohnes Hugo verkraftete Albert Hamburger nicht, so dass er völlig resigniert mit seiner Ehefrau nach Berlin zog und dort am 12.04.1901 verstarb.

Sein Nachfolger wurde Ende 1890 sein Neffe Max (Sohn seines Bruders Hermann) - der spätere Stadtrat Max Hamburger - (s. folgendes Bild), da sein eigener Sohn - ebenfalls Max, der spätere Dr. Max Hamburger - zu diesem Zeitpunkt noch zu jung war.

Max Hamburger wurde am 15.02.1868 als Sohn der Eheleute Hermann Hamburger und Henriette Hamburger geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Breslau. Nach der Schulausbildung besuchte er die Webschule in Krefeld und begab sich dann nach Landeshut in die Firma seines Onkels Albert. Diese hatte sich inzwischen wesentlich vergrößert. Im Gründerjahr 1871 trat sein Onkel Albert zunächst als Unternehmer in dem Sinne auf, dass er Garne kaufte und diese von den im Kreis Landeshut ansässigen Handwebern im Lohn verarbeiten ließ. Wie die anderen Unternehmer erkannte aber auch Albert Hamburger, dass sich die Zeit der Handweberei dem Ende näherte und so beschaffte er die ersten mechanischen Webstühle. Bereits 1885 wurde die große Weberei mit Appreturanstalt erbaut, die sich im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Industriewerk mit 620 Webstühlen und 750 Arbeitskräften entwickelte.

Nach dem Ausscheiden des Gründers übernahm Max Hamburger die Leitung der Firma und führte diese nicht nur erfolgreich im Sinne seines Onkels fort, sondern vergrößerte sie auch. Das gesamte Areal der Firma umfasste eine Fläche von 110 x 150 m, begrenzt im Norden durch die Roonstraße, im Osten durch die Maschinenfabrik Bauch, im Süden durch die Boberwiesen und im Westen durch die Perschkestraße. Im Jahre 1907 wurde das neue Bürohaus an der Bahnhofstraße gegenüber dem Wohnhaus der Familie Max Hamburger erbaut. 

1918 wurde der 20 Jahre jüngere Cousin gleichen Namens in die Unternehmungsführung aufgenommen. Die beiden bildeten ein sehr ungleiches Duo; dies kam auch in den Namen zum Ausdruck, die ihnen die Belegschaft gab: "der Stadtrat" und der "Doktor". Der Stadtrat war der ältere Max. Sein Gestaltungs- und Geltungsinteresse war nicht auf das Fabrikmilieu begrenzt. Die Stadt Landeshut wählte ihn in den Magistrat, machte ihn zum Stadtrat, und einen ähnlich klangvollen Titel erhielt er durch seine Mitwirkung in der regionalen Industrie- und Handelskammer.

Im Jahre 1922 beschloss die Familie Hamburger eine Strukturänderung ihres Landeshuter Unternehmens: Die Weberei wurde 1922 zur Albert Hamburger Aktiengesellschaft. Die Gründer der AG gehörten sämtlich zur Familie: der "Stadtrat" und der "Doktor", beide mit Vornamen Max; der Fabrikbesitzer Alfred Hamburger, der Student der Naturwissenschaften Viktor Hamburger und das Fräulein Leonore. Alfred war ein Cousin der beiden Vorgenannten, Sohn des Heinrich Hamburger. Er leitete die Breslauer Firma I. Z. Hamburger GmbH, die sich zur Großhandlung von Baumwoll- und Leinenwaren, mit angeschlossener Leinenweberei entwickelt hatte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria Seelhorst, einer Künstlerin, spielte er auch im Breslauer Kulturleben eine aktive Rolle. Viktor war des Stadtrats ältester Sohn, und Leonore vermutlich eine Nichte.

Zwischenzeitlich hatte Max Hamburger Else Gradenwitz aus Breslau geheiratet, Tochter des Bankiers und Handelsrichters Eduard Gradenwitz und dessen Ehefrau Rosa, geb. Feige. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor, Victor, Rudolf und Otto. Victor Hamburger (1900 - 2001) wurde ein überaus bekannter Entwicklungsbiologe und Pionier der Neuroembryologie, der mit Ehrungen überhäuft wurde. Er erhielt u. a. Ehrendoktorwürden der Washington University, der Universität Uppsala und der Rockefeller University. Sohn Rudolf (1903 - 1980) arbeitete etliche Jahre als Architekt in Shanghai und der jüngste Sohn Otto wurde Unternehmer.

Neben seinen umfangreichen und verantwortungsvollen Tätigkeiten im Betrieb beteiligte sich Max Hamburger auch aktiv am öffentlichen Leben. Er wirkte viele Jahre als Stadtrat zum Wohle Landeshuts und brachte hier seine umfangreichen Kenntnisse ein. Vorbildlich waren auch die sozialen Einrichtungen der Firma Hamburger. Für die Arbeiter wurden in den Jahren 1907 bis 1908 die sogenannten "Hamburgerhäuser" errichtet. Als Bauplatz wurde ein Geländer außerhalb der Stadt gewählt, zwischen der Seidenweberei und der Brauerei, die spätere Reußendorfer Straße. Die Anregung zum Bau dieser Kolonie soll Stadtrat Max Hamburger angeblich von Alfred Krupp aus Essen erhalten haben. Die Kolonie selbst bestand aus viemal fünf Einfamilienhäusern, die aneinandergebaut waren, ähnlich den heutigen Reihenhäusern, jedoch nicht in der Einförmigkeit der modernen Bauten. Jedes haus hatte seinen eigenen Charakter, so dass trotz des einheitlichen Baustiles eine Auflockerung erreicht wurde. Zu jedem Haus gehörten zwei Gärten, ein kleiner 30 qm großer Vorgarten und ein 130 qm großer Gemüsegarten hinter dem Haus. Vor der unteren Häuserreihe wurde eine mit Bäumen und Sträuchern bepflanzte Grünflache angelegt. Die beiden vorderen Reihen waren durch einen überdachten Durchgang verbunden, den eine Turmuhr krönte.

Die Hamburgerhäuser

Die Hamburgerhäuser

Im Jahre 1917 stiftete Stadtrat Max Hamburger der Stadt Landeshut 60.000 Mark zum Bau eines Hauses für die Mütterberatungsstelle und die Kleinkinderbewahranstalt. Das Haus wurde nach Ende des Krieges am Beuchelplatz errichtet und trägt den Namen der Ehefrau des Stifters, das "Else-Hamburger-Haus" (s. folgendes Bild).  Zwei weitere Spender kamen im Jahr 1917 hinzu: Dr. Max Hamburger spendete 10.000 Mark und Hermann Hamburger, der Vater des Stadtrates Max Hamburger, stiftete 5.000 Mark.

Da es sich bei der Albert Hamburger AG um eine jüdische Firma handelte, führten die politischen Maßnahmen der dreißiger Jahre zwangsläufig zu einem Rückgang der Umsätze. Am 28.02.1934 wurde über das Vermögen der Firma das Konkursverfahren eröffnet. Als Nachfolgerin wurde die "Mechanische Weberei Landeshut AG" gegründet. De facto war die Albert Hamburger AG nicht aufgelöst, sondern wie es damals hieß "arisiert" worden. Max Hamburger und auch sein Vetter Dr. Max Hamburger hatten zwar erwartet, in der neuen Gesellschaft noch gewisse Aufgaben übernehmen zu können, aber ihre Hoffnung erfüllte sich nicht.

1937 verließen Max und Else Hamburger Landeshut und begaben sich nach Berlin. Hier erkrankte Else Hamburger schwer und verstarb am 20.07.1937. Nach dem Tod seiner Frau reiste Max Hamburger zunächst für acht Wochen zu seinem Sohn nach Shanghai und anschließend besuchte er seinen ältesten Sohn Professor Dr. Victor Hamburger in St. Louis. Für kurze Zeit kam er im Jahre 1938 noch einmal nach Deutschland zurück und ging im selben Jahr für zwei Jahre erneut nach Shanghai, um dann zunächst endgültig nach St. Louis überzusiedeln. Einige Jahre später verließ er jedoch die Vereinigten Staaten von Amerika und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Saint-Aubin Sauges in der Schweiz. Hier verstarb er am 14.05.1952.

Quellen:

-  Allg. Zeitung des Judentums, Hefte 1 und 9/1917
-  Ancestry
-  Datenbank der Opfer in Theresienstadt
-  Family Search (Mikrofilm - jüdische Gemeinde Landeshut)
-  Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
    in Deutschland 1933 - 1945
-  Initiative Heidelberger Stolpersteine 

-  Lembke, Hans H.: Die Schwarzen Schafe bei den Gradenwitz und Kuczynski - Trafo
    Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, 2008
-  My Heritage
-  Tauf- und Traubücher der jüdischen Gemeinde Landeshut bei dem Staatsarchiv Jelenia Góra
-  Schlesischer Gebirgsbote
-  Unterlagen des Standesamtes Landeshut bei dem Staatsarchiv Jelenia Góra
-  Wikipedia, die freie Enzyklopädie
-  Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
-  Zentralblatt der Bauverwaltung, Heft 61/1910

Nachfolgend der Stammbaum der Familie "Itzig" Zacharias Hamburger:

I. Generation:

"Itzig" Zacharias Hamburger  (Kaufmann)     * 14.11.1811 in Schmiegel,  + 19.08.1898 in Breslau
1. Ehefrau: Henriette Löwenthal                                                                 +           1840
         Heirat:                                                                   1828
   Kind: 1. Hermann                                             * 14.08.1837 in Schmiegel,  +       1920

2. Ehefrau: Minna Hamburger                           * 25.09.1820 in Boyinowo,  + 05.07.1903 in Breslau
          Heirat:                                                           29.07.1841
    Kinder: 1. Heinrich                                            * 29.05.1842 in Schmiegel,
                                                                               + 09.08.1906 in Dresden - Loschwitz
                 2. "Albert" Abraham                            *            1845  in Schmiegel,  + 12.04.1901 in Berlin
                 3. Rosa                                                  *            1846 in Schmiegel,   + 19.10.1913 in Breslau
                 4. Hulda                                                * 04.07.1849 in Schmiegel,    + 17.08.1923 in Breslau
                 5. "Karl" Zacharias                              * 09.07.1860 in Breslau,          + 07.10.1914 in Berlin
                 6. Mathilde

A  Kind aus der 1. Ehe des "Itzig" Zacharias Hamburger

II. Generation:           Familie Hermann Hamburger

1.1 Hermann Hamburger                              * 14.08.1837 in Schmiegel,      +            1920
     Ehefrau: Henriette Hamburger              *           1843
     Kinder: 1. Julchen
                  2. Siegfried
                  3. Max                                           * 15.02.1868,               + 14.05.1952 in Saint-Aubin-Sages


III. Generation:

1.1.3 Max Hamburger  (Fabrikbesitzer und Stadtrat)       * 15.02.1868
                                                                                                 + 14.05.1952 in Saint-Aubin-Sages (Schweiz)
       Ehefrau: Else Gradenwitz           * 26.08.1873 in Berlin,   + 20.07.1937 in Berlin
       Kinder: 1. Victor                            * 09.07.1900 in Landeshut,  + 12.06.2001 in St. Louis (USA)
                    2. Rudolf                           * 03.05.1903 in Landeshut,  + 00.12.1980 in Dresden
                    3. Otto                               * 24.06.1907 in Landeshut,  +           1997 in London

       Else Gradenwitz stammte aus einer sehr bekannten jüdischen Bankiers- und 
       Unternehmerfamilie, die sowohl in Berlin als auch in Breslau beheimatet war. Ihr Vater 
       Eduard Gradenwitz arbeitete zunächst in der väterlichen Firma, der "Jacobi Gradenwitz, 
       Wollhandel u. Commissionsgeschäft". Um 1860 gründete er parallel dazu das "Eduard u. 
       Emanuel Gradenwitz Commissionsgeschäft". Er führte es zunächst gemeinsam mit 
       seinem Bruder Emanuel und nach dessen Tod allein. Das Geschäft des Vaters Jacobi
       leitete nach ihm vornehmlich dessen ältester Sohn Moritz; er zog sich erst 1880 zurück. 
       Eduard übernahm dann auch dort das Ruder, lenkte die Firma noch kurz unter seiner 
       eigenen Adresse und löste sie dann auf. Eduard Gradenwitz war seit 1901 auch 

       Handelsrichter. Er starb im Jahre 1911.

IV. Generation:

 1.1.3.1 Prof. Dr. Victor Hamburger  (Biologe)             * 09.07.1900 in Landeshut
                                                                                       + 12.06.2001 in St. Louis (USA)
           Ehefrau: Martha Fricke  (Lehrerin)                   * 19.04.1898,         + 1965
           Kinder: 1. Carola
                        2. Doris

            Prof. Dr. Victor Hamburger war ein deutscher Entwicklungsbiologe und Pionier der
            Neuroembryologie. Er studierte Zoologie in Breslau, Heidelberg und München und 
            ging 1920 an die Albert-Ludwig-Universität Freiburg zu Hans Spemann, wo er 1925 
            mit einer Arbeit über den Einfluss des Nervensystems auf die Extremitäten-
            Entwicklung bei Fröschen promovierte. Nach Assistenzjahren bei Alfred Kühn in 
            Göttingen und Otto Mangold in Berlin kehrte er als Privatdozent nach Freiburg 
            zurück. 1932 konnte er durch ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung zu dem 
             Zoologen Frank Rattray Lillie an die University of Chicago gehen. 1933 wurde er 
             wegen seiner jüdischen Herkunft in Freiburg entlassen, wodurch ihm eine Rückkehr 
             nach Deutschland verwehrt war. Ihm gelang jedoch eine wissenschaftliche Karriere in
             den USA; 1935 wurde er Assistant Professor, 1941 Professor und Chairman des 
             Departments für Zoologie an der Washington University in St. Louis, wo er bis nach 
             der Emeritierung 1969 blieb. Er erhielt Ehrendoktorwürden der Washington 
             University, der Universität Uppsala und der Rockefeller University. 1983 wurde er mit 
             dem Louisa-Gross-Horwitz-Preis, 1989 mit der National Medal of Science geehrt und 
             1985 erhielt er den Ralph-W.-Gerard-Preis.

                    Auch die Stadt Kamienna Góra (Landeshut) ehrte ihn im Oktober 2017. Der 
                    Lesesaal der wissenschaftlichen Bibliothek an der Bahnhofstraße 24 trägt seit 
                    diesem Zeitpunkt seinen Namen. In diesem Haus wurde Victor Hamburger 
                    geboren. Bei der Enthüllung der Gedenktafel war auch seine aus Amerika 
                    angereiste Tochter anwesend, Frau Professorin Doris Sloan.

Geburtshaus von Prof. Dr. Victor Hamburger
Bahnhofstraße 24

Enthüllung der Gedenktafel, 2. von rechts. Frau Professorin Doris Sloan

1.1.3.2 Rudolf Hamburger  (Architekt)            * 03.05.1903 in Landeshut,  + 00.12.1980 in Dresden
          Ehefrau: Ursula Maria Kuczynski         * 15.05.1907 in Berlin,            + 07.07.2000 in Berlin
          Kind: 1. Michael Pitt                                *                   in Shanghai (China)


           Rudolf Hamburger war ein deutscher Architekt. Er studierte an der Technischen 
           Hochschule Berlin-Charlottenburg bei Hans Poelzig Architektur. Nach seiner Heirat mit 
           Ursula Kuczynski 1929 ging er im Jahre 1930 nach Shanghai, um dort als Architekt für das
           Shanghai Municipal Cluncil zu arbeiten. Er wurde dadurch zu einem wichtigen Wegbereiter 
           für die Entwicklung der modernen Architektur in China. 1933 half er seinem Studienfreund 
           Richard Paulick bei dessen Flucht nach Shanghai. Gemeinsam mit seiner Ehefrau und dem 
           inzwischen geborenen Sohn Michael kehrte er 1937 nach Europa zurück. lebte eine Zeitlang 
           in Polen und in der Schweiz und ging dann für den militärischen Nachrichtendienst der 
           Sowjetunion bis 1943 in den Iran. 1943 wurde er in Moskau mit einer fingierten Anklage
           verurteilt und in ein Arbeitslager deportiert, aus dem er erst 1952 freigelassen wurde. Bis 
           1955 lebte er in der Verbannung in der Ukraine. Mit der Hilfe Paulicks konnte er in die DDR 
           ausreisen. Zeitweise war er danach stellvertretender Leiter für den Aufbau von 
           Hoyerswerda.

           Im Jahre 1990 wurde Rudolf Hamburger in Moskau posthum rehabilitiert. Seine Ehefrau
           Ursula Kuczynski, von der er sich später scheiden ließ, kannte er schon aus Kindertagen.                   Die Familien Hamburger, Gradenwitz und Kuczynski waren eng befreundet. Seine Mutter                   Else war sogar die Großtante von Ursula Kuczynskis Vater.

1.1.3.3 Otto Hamburger  (Unternehmer)        * 24.06.1907 in Landeshut,      + 1997 in London


           Nach der Schulausbildung studierte er ab 1926 Maschinenbau an der TH in Berlin-
           Charlottenburg. Besonders fesselten ihn die Vorlesungen Georg Schlesingers über 
            Werkzeugmaschinenbau, und am Ende des Studiums war er entschlossen, sich von 
            Schlesinger als Assistent für Textilmaschinen engagieren zu lassen. Aber es blieb nur ein 
            Traum. Im Jahr 1931 beendete er das Studium mit dem Examen. Ebenso wie sein Bruder 
            Rudolf wanderte auch er nach dem Zusammenbruch der elterlichen Firma nach China                      aus. Die amerikanische Remington Rand bot ihm eine Stelle an; er übernahm es, deren 
            "Kardex"-System für die Organisation von Betrieben und öffentlichen Einrichtungen in 
            Shanghai einzuführen. Ende 1935 wechselte er zum Großunternehmen Jardine`s und 
            arbeitete zwei Jahre als Vertriebsingenieur in Westchina. Nach dem japanischen Angriff 
            verlor er seinen Job und ging auf Arbeitssuche, zunächst in Japan, dann in der                                      Mandschurei. Dort erhielt er per Telegramm ein Angebot, das zum Wegweiser seiner                          künftigen Karriere wurde. Er übernahm in Shanghai die Leitung der Textilmaschinen-                          Abteilung der Chien Hsin Engineering Co., eines großen Handelshauses, das der deutsche                  Unternehmer Johann Grodtmann aufgebaut hatte.  
            Am Kriegsende schloss die Chien Hsin Co. ihre Pforten in Shanghai, und Otto Hamburger                  entschied sich, zusammen mit Kollegen dort ein eigenes Unternehmen für Maschinen-                      importe zu gründen. Die Hai Tung Engineering Co. begann mit der Einfuhr gebrauchter                      Textilmaschinen und etablierte sich als Ausrüster für die rasch wachsende Juteindustrie.                    Allerdings machte der Bürgerkrieg die Lage im Land zunehmend unsicher. Otto                                  Hamburger, inzwischen chinesischer Staatsbürger, erhielt eine Einwanderungsgeneh-                        migung nach Brasilien und nutzte diese um zunächst ein Besuchsvisum für England zu                      erlangen. Dort änderte er seine Pläne. Er beschloss, auf der Insel zu bleiben und - mit                          500 Pfund Eigenkapital - die Hai Tung Co. in London neu zu gründen. Das Unternehmen                  lebte 25 Jahre mit unveränderter Kapitalbasis. Es startete mit dem Verkauf britischer                          Radaranlagen an japanische Werften und profilierte sich dann erfolgreich als Lieferant                      westeuropäischer Spezialmaschinen für Japans Textilindustrie.

V. Generation:

1.1.3.1.1 Dr. Carola Hamburger   (Ärztin für innere Medizin
            Ehemann:  ? Marte


 1.1.3.1.2 Prof. "Doris" Elsbeth Hamburger  (Geologin)
             Ehemann:  ? Sloan


B  Kinder aus der 2. Ehe des "Itzig" Zacharias Hamburger

II. Generation:            Familie Heinrich Hamburger

2.1 Heinrich Hamburger                               * 29.05.1842 in Schmiegel
                                                                        + 09.08.1906 in Dresden-Loschwitz
      Ehefrau: Flora Baerwald                         *            1846,  + 28.11.1896 in Breslau
      Kinder: 1. Alfred                                       * 07.03.1870,    + 20.06.1934 in Breslau
                   2. Luise                                        *           1871
                   3. Anna                                        * 05.06.1873 in Breslau,   + 20.01.1942 in Berkeley, USA
                   4. Clara                                        * 05.06.1873 in Breslau,   + 19.03.1945 in Berkeley, USA


III. Generation:

2.1.1 Alfred Hamburger  (Kaufmann)             * 07.03.1870,    + 20.06.1934 in Breslau
        Ehefrau: Maria Seelhorst                         * 07.10.1871 in Breslau
                  Heirat:                                                         1902
        Kind: 1. Erika Flora Rosel                          * 23.01.1904 in Breslau

        Alfred Hamburger leitete nach dem Tode seines Vaters Heinrich die Breslauer Firma I. Z.
        Hamburger GmbH, die sich zur Großhandlung von Baumwoll- und Leinenwaren mit
        angeschlossener Leinenweberei entwickelt hatte.

2.1.2 Luise Hamburger                                    * 1871
        Ehemann: Prof. Dr. Franz London         * 1863 in Liegnitz,             +             1917 in Bonn
                       Heirat:                                           1896 in Breslau
        Kinder: 1. Fritz                                           * 07.03.1900 in Breslau,   + 30.03.1954 in Durham, USA
                     2. Heinz                                        * 07.11.1907 in Bonn,          + 03.08.1970 in Oxford

2.1.3 Dr. Anna Hamburger                               * 05.06.1873 in Breslau,     + 20.01.1942 in Berkeley, USA

2.1.4 Dr. Clara Hamburger                                * 05.06.1873 in Breslau,    + 19.03.1945 in Berkeley, USA

        Die Zwillingsschwestern Anna und Clara Hamburger nahmen nach dem Besuch der Höheren 
        Töchterschule Unterricht in wissenschaftlichem Zeichnen, lernten Latein und studierten beide 
        als Gasthörerinnen an der Universität Breslau Naturwissenschaften. Schon in ihrer
        Heimatstadt Breslau gaben sie Nachhilfestunden und arbeiteten als wissenschaftliche
        Zeichnerinnen bzw. Institutsassistentinnen. Erst im Frühjahr 1900 bot sich im Deutschen Reich
        eine Möglichkeit für Studentinnen, gleichberechtigt mit männlichen Kommilitonen zu
        studieren. Die beiden badischen Universitäten Freiburg und Heidelberg ließen Frauen zur 
        Immatrikulation zu. Im Frühjahr 1901 zogen die Schwestern Hamburger nach Heidelberg, um 
        sich hier zu immatrikulieren und ihr Studium an der hiesigen fortschrittlichen
        Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät fortzusetzen. Anna belegte die Fächer
        Chemie, Physik und Mathematik, Klara Zoologie, Botanik und Paläontologie. Am 18.06.1903
        wurde Clara promoviert - Annas Promotion folgte 1904. Während Anna Lehrerin an einer 
        Mannheimer Mädchenschule wurde, schlug Clara die wissenschaftliche Laufbahn ein.

        Als Kustodin des Zoologischen Museums und Assistentin ihres Lehrers Otto Bütschli führte
        sie nach dessen Tod 1920 die Edition seiner Schriften fort, stiftete 5.000 Reichsmark zum
        Ankauf seiner Bibliothek und veröffentlichte selbst zahlreiche Aufsätze zur 
        Protistenforschung, die heute noch von Bedeutung sind. Der Vorschlag Otto Bütschlis, ihr 
        ehrenhalber den Professorentitel zu verleihen, verhallte ungehört.

Dr. Clara Hamburger (05.06.1873 - 19.03.1945)

Dr. Clara Hamburger im Labor mit Otto Bütschli

     Während des Ersten Weltkrieges richtete Clara Hamburger die Röntgenstation in der Stadthalle
     ein, in den zwanziger Jahren kümmerte sie sich um Stipendien und Freitische für Studierende. 
     1929 war sie in Vertretung des damaligen Institutsleiters Curt Herbst mit der verantwortlichen 
     Leitung des Zoologischen Instituts betraut. Am 17.03.1933 verlor Clara Hamburger ihre Stelle, 
     trotz der Fürsprache von Curt Herbst. Die Entlassung Anna Hamburgers aus dem Schuldienst 
     folgte ein Jahr später.

     Zwischen Ende 1939 und Anfang 1940 mussten die Schwestern umziehen in das "Judenhaus" 
     Moltkestr. 1 - 3, von dort wurden sie am Morgen des 22. Oktober 1940 von der Gestapo abgeholt 
     und zum Hauptbahnhof gebracht. Mit weiteren 395 jüdischen Leidensgefährten aus Heidelberg 
     und den umliegenden Landkreisen bestiegen sie den bereitgestellten Eisenbahnzug, der sie
     zunächst ins unbesetzte Frankreich und nach dreitägiger Fahrt nach Gurs am Fuße der 
     Pyrenäen brachte. Mit der Ankunft der badischen und pfälzischen Jüdinnen und Juden stieg die 
     Zahl der Internierten von da. 3.000 auf 10.000. Bis zum Oktober 1941 gab es keine Nachricht 
     von den Hamburger-Schwestern. Erst in diesem Monat gab es ein Lebenszeichen. Der 
     Mannheimer Freundin Fritze Walton war es gelungen, Anna und Clara Hamburger freizukaufen
     und sie zu sich nach Berkeley/USA zu holen. Möglicherweise war auch Richard B. Goldschmidt 
     an der Rettung beteiligt. Er war Claras Vorgänger als Assistent von Bütschli und floh schon 1936 
     nach Berkeley. In Berkeley starb Anna Hamburger am 20.01.1942 und Clara Hamburger am
     19.03.1945. Die Stadt Heidelberg verlegte vor dem Haus in Heidelberg einen Stolperstein zum 
     Gedenken an Dr. Clara Hamburger.

IV. Generation:

2.1.2.1 Prof. Fritz London                         * 07.03.1900 in Breslau,    + 30.03.1954 in Durham, USA

2.1.2.1 Dr. Heinz London                          * 07.11.1907 in Bonn,           + 03.08.1970 in Oxford

Die Brüder Fritz und Heinz London waren beide Physiker. Die Eltern Prof. Dr. Franz London und Luise, geb. Hamburger, lebten seit 1904 in Bonn. Dort war Dr. Franz London als Professor für Mathematik an der dortigen Universität tätig.

Prof. Dr. Franz London (1863 - 1917)

Luise London, geb. Hamburger (geb. 1871)

Beide Brüder studierten Physik. Fritz London (s. folgendes Bild) emigrierte 1939 in die USA und wurde dort Professor für Theoretische Chemie an der Duke Universität in Durham. 1953 erheilt er eine Professur für Physikalische Chemie, 1941 wurde er Fellow der American Physical Society.

Heinz London übersiedelte nach dem Abschluss seiner Doktorarbeit in Breslau 1934 nach Oxford. Nach Kriegsausbruch wurde er 1940 zunächst als "Feindlicher Ausländer" einige Zeit auf der Isle of Man interniert, dann aber wieder freigelassen, um am britischen Atomprogramm mitzuarbeiten. Im Jahr 1942 erheilt er die britische Staatsangehörigkeit.

II. Generation:      Familie "Albert" Abraham Hamburger - Firmengründer

2.2 "Albert" Abraham Hamburger  (Leinenfabrikant)     * 1845 in Schmiegel,  + 12.04.1901 in Berlin
      Ehefrau: Eugenie Löwenthal                                        * 1854                          + 12.04.1901 in Berlin
      Kinder: 1. Hugo                                                                                                + 12.04.1901 in Landeshut
                   2. Felix                                                                 * 1882                      + 01.07.1901 in Berlin
                   3. Max                                           * 04.11.1887 in Landeshut,  + 15.11.1985 in Washington, USA

III. Generation:

2.2.3 Dr. Max Hamburger  (Fabrikbesitzer)            * 04.11.1887 in Landeshut, + 15.11.1985 in Washington
         Ehefrau: "Katharina" Klara Rosenstock        * 11.05.1890 in Berlin,         + 17.04.1967 in Ulm
                    Heirat:                  04.02.1918 in Berlin,                     Scheidung am 14.05.1936
          Kinder: 1. Eleonore 
                       2. Gabriele                                           * 21.03.1920 in Landeshut,  + 04.04.1987
                       3. Alberta                             * 09.10.1926 in Landeshut,  + 22.05.2010 in New Jersey, USA

          Ehefrau Katharina Hamburger nannte sich später Karin Roon. Als begnadete Sängerin war
          sie im In- und Ausland bekannt geworden. Geboren wurde sie am 11.05.1890 in Berlin als 
          Katharina Rosenstock, Tochter des Bankiers und Handelsrichters Theodor Rosenstock und 
          dessen Ehefrau Paula. Schon früh zeigte sich ihr musisches Talent, so dass sie nach
          Abschluss ihrer Schulausbildung Gesangsunterricht in Berlin und Brüssel erhielt. Sie gab 
          Konzerte im In- und Ausland und gehörte zu den wenigen Sängerinnen, die von Albert 
          Schweitzer einmal auf der Orgel begleitet wurden. Mit ihrer ungewöhnlichen schönen
          Mezzosopranstimme begeisterte sie ihr Publikum.   

          Seit ihrer Eheschließung mit Dr. Max Hamburger war Landeshut ihre neue Heimat geworden.
          Hier bewohnte sie mit ihrer Familie ein großes Haus auf der Bahnhofstraße und den nach ihr 
          benannten Katharinenhof in Neuen.                       

Katharina Hamburger, geb. Rosenstock (Karin Roon)


Die Villa der Familie Dr. Max Hamburger (heute)

      In Landeshut und Umgebung wurde sie nicht nur durch ihre Konzerte bekannt. Ähnlich wie Else
      Hamburger, die Ehefrau des Stadtrates Max Hamburger, engagierte auch sie sich auf sozialem 
      Gebiet. Besonders die Betreuung der Arbeiterinnen der Fa. Hamburger war ihr eine 
      Herzensangelegenheit. Hier kam ihr die Gesangsausbildung zugute. Mit Hilfe eines besonderen
      Übungssystems verschaffte sie den Arbeiterinnen neue Lebenskraft im Sinne einer Muskel- und
      Kräfteregeneration. Dieses System entwickelte sie später konsequent weiter, so dass sie im Jahr
      1949 das Lehrbuch "Neue Wege der Lebenserhaltung" herausgab, welches in sieben Sprachen 
      übersetzt wurde. Auch körperlich behinderte Kinder und Schauspieler profitierten davon. Seit 
      Anfang 1950 reiste sie Jahr für Jahr durch Europa, um durch Vorträge im Rundfunk mit Hilfe
      ihrer Methoden alternden Menschen, überbeschäftigten Managern und körperbehinderten 
      Kranken neuen Lebensmut und damit verbunden auch neue Kräfte zu vermitteln. Im April 1967
      sollte in Ulm ein Film gestaltet werden, der den Zweck hatte, den Bewohnern von Altersheimen
      durch das Vorführen von Übungen zu zeigen, wie man seinen Körperzustand erhalten und die 
      Beschwerden des Alterns ausgleichen könne. Aus diesem Grund hielt sie sich in Ulm auf und 
      verstarb während dieser Arbeiten völlig unerwartet. Die politischen Umstände hatten die 
      Familie Hamburger im Jahre 1938 zur Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika 
      gezwungen. Katharina Hamburger nannte sich seit dieser Zeit Karin Roon und lebte in New 
      York.

II. Generation:          Familie Rosa Hamburger

2.3 Rosa Hamburger                                                 * 1846 in Schmiegel,          + 19.10.1913 un Breslau
      Ehemann: Max Baerwald  (Kaufmann)                                                         + vor 1913
      Kinder: 1. "Paul" Zacharias                                  * 13.12.1872 in Bromberg,   + 23.03.1940 in Breslau
                   2. Martin                                                   * 31.08.1873 in Bromberg,  + nach 1937
                   3. Lea                                                        * 07.06.1874 in Bromberg
                   4. Ernst                                                     * 02.09.1876 in Bromberg,  + 29.03.1967

III. Generation:

2.3.1 "Paul" Zacharias Baerwald                                 * 13.12.1872 in Bromberg,  + 23.03.1940 in Breslau

2.3.2 Martin Baerwald                                                  * 31.08.1873 in Bromberg, + nach 1937
         Ehefrau: Elsa Fränkel                                          *          1878                         + 19.11.1937 in Breslau
         Kind: Hans Georg                                                * 05.04.1904 in Breslau

2.3.3 Lea Baerwald                                                        * 07.06.1874 in Bromberg
         Ehemann: Moritz Raphael  (Mühlenbesitzer)   *            1860,                       + 07.12.1910 in Breslau

2.3.4 Ernst Baerwald                                                     * 02.09.1876 in Bromberg,  + 29.03.1967
         Ehefrau: Florence Martin                                    * 11.05.1869

II. Generation:           Familie Hulda Hamburger

2.4 Hulda Hamburger                                               * 04.07.1849,                          + 17.08.1923 in Breslau
       Ehemann: Louis Frankenstein  (Kaufmann)   * 20.07.1843 in Landeshut,   + 31.01.1920 in Breslau
                     Heirat:                                                       25.04.1873 in Breslau
       Kinder: 1. Johanna                                                * 14.03.1874 in Landeshut,   + 31.10.1950
                    2. Lucie                                                     * 23.11.1875
                    3. Kurt                                                       * 17.10.1877

        Die Familie Frankenstein lebte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in Landeshut. Dieser 
        Familie gehörte eine Leinenfabrik, die Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Zwischen
        1895 und 1911 wurde sie wohl aufgegeben. Auf dem alten jüdischen Friedhof in Landeshut sind
        noch mehrere Grabsteine der Familie Frankenstein erhalten geblieben.

III. Generation:

2.4.1 Johanna Frankenstein                                        * 14.03.1874 in Landeshut,  + 31.10.1950
        Ehemann: Richard Friedlaender                       * 14.03.1867 in Oppeln,         + 20.12.1929 in Berlin
                      Heirat:                                                       03.05.1896 in Landeshut
        Kinder: 1. Werner                                                 * 12.06.1899 in Oppeln
                     2. Wilhelm                                                * 09.04.1904 in Oppeln
                     3. Fritz                                                       * 12.01.1906 in Oppeln

         Die Familie Friedlaender gehörte damals in Oppeln zu den wohlhabendsten und sehr 
         angesehenen jüdischen Familien. Richard Friedlaenders Großvater Marcus hatte im Jahre 1824
         die Schlossbrauerei gegründet, die später von dessen Sohn Siegfried geleitet wurde. Dieser
         war zugleich auch Ratspräsident. Richard Friedlaender war nach dem Tod seines Vaters
         Siegfried Generaldirektor der Brauerei. Darüber hinaus war er Besitzer eines Zementwerkes
         und Mitbesitzer mehrerer anderer Unternehmen. Mitte der 1920er Jahre zog er mit seiner 
         Familie von Oppeln nach Berlin - Charlottenburg. Dort war er in Berlin als Vorsitzender der 
         Deutschnationalen Volkspartei politisch tätig.

2.4.2 Lucie Frankenstein                                               * 23.11.1875 in Landeshut,  + 07.12.1914 in Stettin
         Ehemann: Dr. med. "Franz" Louis Ehrlich          * 13.05.1869,   + 01.04.1943 in Lublin-Majdanek    
         Kind: Max Ehrlich                                                  * 09.12.1900 in Stettin    


         Nach dem frühen Tod seiner Ehefrau Lucie heiratete Sanitätsrat Dr. Franz Louis Ehrlich noch
         zweimal. Auch seine 2. Ehefrau wurde ihm durch den Tod entrissen. Gemeinsam mit seiner
         3. Ehefrau wurde er in das Lager Majdanek deportiert und dort ermordet.

2.4.3 Dr. med. Kurt Frankenstein                                  * 17.10.1877 in Landeshut,  + 1937 in Bonn
         Ehefrau: "Susanne" Margarete Edel             * 16.02.1884 in Berlin,  + 21.03.1943 in Theresienstadt
                     
Heirat:                                                            09.10.1913 in Berlin
         Kinder: 1. Joachim                                                   * 26.09.1914
                      2. Maria                                                       * 15.03.1919

          Dr. Kurt Frankenstein begann nach seinem Schulabschluss ein Studium der Medizin und 
          spezialisierte sich auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Nach der Promotion absolvierte er
          einen zweijährigen Militärdienst und arbeitete danach als 1. Assistent an der Universitätsklinik
          in Kiel. 1907 erhielt er eine Anstellung als Chefarzt der Gynäkologischen Klinik in Köln-Kalk. 
          Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Militärdienst eingezogen. Für seine Verdienste im Feld
          erhielt er mehrere militärische Auszeichnungen.

          Trotz der evangelischen Religionszugehörigkeit der gesamten Familie Frankenstein wurde sie
          ab 1933 verfolgt. Auch Kurt Frankensteins Militärdienste schützten ihn und seine Familie nur 
          bedingt vor Verfolgung. Bereits wenige Wochen nach der Machtübernahme der 
          Nationalsozialisten wurde er vom ärztlichen Direktor der Klinik aufgefordert, wegen des 
          "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" seine Entlassung einzureichen. In
          den folgenden Jahren führte er noch stundenweise eine Frauenarztpraxis in seinem
          Wohnhaus am Kaiser-Wilhelm-Ring 24. Am 16. Mai 1937 verstarb er im Alter von 59 Jahren an
          einer Sepsis. Nach seinem Tod musste die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen. Beide
          Kinder emigrierten 1939, der Sohn mit seiner Frau über Schottland in die USA, die Tochter 
          nach England. Susanne Frankenstein konnte sich nicht zur Flucht durchringen und blieb 
          alleine in Köln zurück. Sie erhielt in dieser Zeit Unterstützung von der ehemaligen 
          Haushälterin der Familie. 1942 musste sie in das Deportationslager in Köln-Müngersdorf 
           umziehen, von dort wurde sie am 15. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie
           starb am 21. März 1943 im Ghetto. Vor ihrer Deportation übergab sie ihren Helfern die 
           Familiendokumente, darunter Fotografien, Urkunden und Briefe. Darunter befindet sich auch
           ein kleines Haushalts- und Tagebuch, das sie in ihren letzten Jahren in Köln führte. Das von
           ihr handschriftlich auf der ersten Seite eingetragene Zitat von Friedrich Schiller vermittelt 
           eindrücklich ihre Gefühlswelt in dieser Zeit: "Man kann uns niedrig behandeln, nicht
           erniedrigen." Zur Erinnerung an die Familie Frankenstein ließ die Stadt Köln vor ihrem 
           früheren Wohnhaus Stolpersteine verlegen.

Dr. Kurt Frankenstein mit seiner Ehefrau und Sohn Joachim

Die "Stolpersteine" für die Familie Frankenstein

II. Generation:            Familie "Karl" Zacharias Hamburger

2.5 Dr. "Karl" Zacharias Hamburger     (Rechtsanwalt und Notar, Justizrat)
                                                                                * 09.07.1860 in Breslau,    + 07.10.1914 in Berlin
      Ehefrau: Margarete Levy                               * 02.02.1869 in Fraustadt,  + 03.03.1941
                 Heirat:                                                      28.06.1888 in Berlin
      Kinder: 1. Hans Ludwig                                   * 05.08.1889 in Berlin,         + 14.08.1956 in Köln
                   2. Georg                                        * 10.04.1891 in Berlin,          + 03.08.1944 in Theresienstadt

III. Generation:

2.5.1 Prof. Dr. Hans Ludwig Hamburger               * 05.08.1889 in Berlin,        + 14.08.1956 in Köln

        Obwohl in einem jüdischen Elternhaus geboren, wurde er ebenso wie sein Bruder evangelisch
        getauft. Nach Abschluss der Schulausbildung studierte er in Berlin, Lausanne, Göttingen und
        München Mathematik und Physik. Im Mai 1914 promovierte er bei Geheimrat Prof. Dr.
        Pringsheim in München. Nach seiner Militärzeit während des Ersten Weltkrieges habilitierte er
        an der Universität Berlin und war anschließend zuerst als Privatdozent und ab 1922 als
        außerordentlicher Professor tätig. Im Jahre 1924 folgte er einem Ruf nach Köln als ordentlicher
        Professor auf den II. Mathematischen Lehrstuhl und Direktor des Mathematischen Instituts.
        1935 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen., was das Ende seiner Arbeit am Mathematischen
        Institut in Köln bedeutete. Zusammen mit seiner Mutter zog er daraufhin nach Berlin. Im Jahre
        1939 verließ er Deutschland und reiste nach Großbritannien, wo er 1941 eine neue Anstellung
        fand. Nach Kriegsende bemühte sich die Philosophische Fakultät um seine Rückkehr. Er sagte
        zunächst zu und erhob in einem Brief an den Kölner Rektor Anspruch auf seinen alten
        Lehrstuhl, entschied sich dann aber für eine Gastprofessur an der Universität Ankara. Im
        Rahmen der gesetzlichen Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts wurde er am
        11.08.1953 wieder zum ordentlichen Professor für Mathematik und Direktor des
        Mathematischen Instituts in Köln ernannt. Bereits drei Jahre später verstarb er in Köln.

2.5.2 Dr. Georg Hamburger                               * 10.04.1891 in Berlin,   + 03.08.1944 in
                                                                                                                      Theresienstadt

         
Wie sein Vater Karl studierte auch er nach Abschluss seiner Schulausbildung Jura in Berlin 
         und Bonn. Im Jahre 1919 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt und im Jahre 1927 die
         Bestellung zum Notar, die ihm aber 1935 wieder entzogen wurde. 1938 wurde ihm die 
         Ausübung des Berufes verboten. Er wurde nur noch als "Konsulent" zur Rechtsberatung für
         Juden zugelassen. Ab September 1941 musste er sichtbar den sog. "Judenstern" tragen.

         Dass er bis 1938 als Rechtsanwalt und dann noch als "Konsulent" arbeiten durfte, hat wohl
         auch ihn, wie viele seiner Leidensgenossen, die Gefahr nicht richtig erkennen lassen. Als er
         sich 1940/41 um Emigration bemühte, war es bereits zu spät. In der Dahlemer Gemeinde ließ
         er sich als Laientheologe ausbilden. Am 30.06.1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert 
         und am 03.08.1944 ermordet. Zum Gedenken ließ die Stadt Berlin vor dem Wohnhaus einen 
         Gedenkstein errichten.