Ober Zieder (Czadrów)

(Verfasser: Hella Tegeler)

Ober Zieder liegt an der Straße zwischen Landeshut und Grüssau. Der Ort wurde mit der Kolonie Schönwiese zu einer Gemeinde vereinigt und grenzt an Landeshut. Ober Zieder war früher Haltestation der Ziedertalbahn. Gegründet wurde Ober Zieder im Jahre 1292 unter dem Namen "Cydir". 1372 lautete die neue Ortsbezeichnung "Czedir". Das Dorf blieb bis zum Zeitpunkt der Säkularisation im Besitz des Zisterzienserklosters Grüssau.

Unter Abt Bernhard Rosa kam es während der Gegenreformation 1687 im Grüssauer Stiftsland zu Unruhen. Mit großer Härte und Unduldsamkeit erreichte er es, dass das Gebiet des Klosters wieder katholisch wurde und bei diesem Glauben verblieb. Wegen der strengen Maßnahmen gegen die evangelischen Pächter des Klosterlandes, denen er die Erbpacht kündigte und sie dadurch ihrer Existenz beraubte, verließen 1.240 evangelische Bewohner im Jahr 1687 vor allem aus Reichhennersdorf und Ober Zieder Haus und Hof und wanderten nach Sachsen aus, wo sie Glaubensfreiheit erhielten und dort das Dorf Neugersdorf bei Meffersdorf gründeten.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Ober Zieder 1742 zusammen mit Schlesien an Preußen. Das Land hatte während des Krieges stark gelitten und Friedrich der Große bemühte sich um den Wiederaufbau der Städte und Dörfer. Um die Lücken im Berufszweig der Weber zu schließen, ließ der König im Ausland werben und den Zuwanderern einen geschenkten Webstuhl und Abgabenfreiheit für mehrere Jahre versprechen. Eine besondere Verpflichtung legte er dem neuen Grüssauer Abt Malachias Schönwiese auf: Dieser wurde verpflichtet, so viele evangelische Weber, wie unter Abt Bernhard Rosa im 17. Jahrhundert vertrieben wurden, neu anzusiedeln. Nach seinen Anordnungen sollte das Kloster Grüssau auf eigene Kosten binnen sechs Jahren vom Jahr 1763 an auf Stiftsgebiet eine Fabrique von 150 fremden evangelischen Familien anlegen und zwar 100 gezogenen Damastwebern, 25 buntgestreiften Webern und 25 weißgarnigen Leinwandwebern. Dabei sollten jährlich ca. 20-30 Familien jeweils ein neu erbautes Haus und dazu ein "Fleckerl Garten", alles frei von Abgaben, erhalten. so entstand die Weberkolonie Schönwiese. Die Erwartungen des Königs waren allerdings viel zu hoch. Im Jahre 1768 waren erst 34 Familien angesiedelt worden, davon kamen 25 aus Sachsen, 4 aus Böhmen, 1 aus Mähren, 1 aus Isenburg (Hessen) und 3 "Subjekte waren entlaufen".

Ober Zieder bildete eine eigene Landgemeinde und gehörte seit 1874 zusammen mit den Landgemeinden Hermsdorf grüss. und Lindenau zum Amtsbezirk Hermsdorf grüss., der am 13.06.1925 in Amtsbezirk Grüssau umbenannt wurde. Die Bevölkerung war überwiegend katholisch. Im Jahre 1925 zählte der Ort 495 Einwohner (davon 141 evangelisch), 1939 waren es 519. Heute gehört Ober Zieder zur Landgemeinde Kamienna Góra (Landeshut).

Ober Zieder war der Geburtsort des Abtes Ildephons Reuschel, der als letzter Abt vor der Säkularisation im Jahre 1810 in die Grüssauer Klostergeschichte einging. Hier erblickte er am 06.11.1742 das Licht der Welt. Sein Geburtshaus wurde später das "Prälatenhäusel" genannt.

Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Fleckenund Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Pohlendt, Heinz: Die Landeshuter Passlandschaften, Priebatschs Buchhandlung Breslau 1938
- Wikipedia, die freie Enzyklopädie
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785

Cholerafriedhof:


In der Nähe von Ober Zieder wurde vor Jahrhunderten ein Cholerafriedhof angelegt. Ein Denkmal (s. folgendes Bild) erinnert an die schlimme Zeit der Ausbreitung der Seuche im Landeshuter Land.

Der Bahnhof:

Vor dem Bahnhof in Ober Zieder: Edelhard Rock - Mitte - mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester. 

Die katholische Schule:

Nach den Adressbüchern der Jahre 1911, 1925 und 1938 waren folgende Lehrer tätig:
1911            =        Johann Zessack
1925          =         Josef Jänsch
                             Lehrer Lamert
1938          =         Paul Erlebach

Die katholische Schule

Schülerinnen und Schüler mit ihrem Lehrer vor dem Schulgebäude

Die Kapelle in Ober Zieder

(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Innenansicht der Kapelle

(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Gefallene des 1. Weltkrieges:

Die Gastronomie:

Im Ort gab es früher 3 Gasthäuser:
1.  Haus Nr. 9             Gasthof "Halbe Meile"
2. Haus Nr. 80           Gasthof "Deutsches Reich"

Im Ortsteil Schönwiese:  Hönigs Einkehrhaus

Haus Nr. 9 - Gasthof "Halbe Meile"

(Besitzer: Reinhold Kühn, später Karl Abendroth)

Haus Nr. 80 - Gasthof "Zum deutschen Reich"
(Besitzer Johann Engmann)

Haus Nr. 80 - Gasthof "Zum deutschen Reich"

(Besitzer: Johann Engmann mit Ehefrau in der Mitte des Bildes)

(Aufnahme: um 1910)

Haus Nr. 80 - Gasthof "Zum deutschen Reich"

(Besitzer: Paul Heinzel) 

(Aufnahme: um 1920)

Der frühere Gasthof "Zum deutschen Reich" - heute

Auf dem folgenden Foto ist der landwirtschaftliche Betrieb der Familie Kurt Springer abgebildet, Haus Nr. 1 a  (Aufnahme: 1965).

Haus Nr. 5 - Die Zenker-Schmiede
Diese Schmiede war über 200 Jahre in Familienbesitz. Im Jahre 1890 übernahm Theodor Zenker die Schmiede von seinem Vater Robert Zenker und gab sie 1927 an seinen Sohn Alfred weiter.

Haus Nr. 35 - Bauerngut der Familie Wilhelm Kühn um 1910

Dieser Hof brannte um 1931 vollständig ab und wurde in Massivbauweise wieder aufgebaut.

(Bild von Herrn Josef Schmidt)

Der Steg über den Zieder bei dem Bauerngut
 Karl Grallert - Haus Nr. 54

Vorlaubenhaus:

In Ober Zieder steht eines der wenigen noch erhaltenen Vorlaubenhäuser, das heute allerdings verputzt ist.
In dem Buch: Schlesische Holzbauten, Werner Verlag 1969, wird über dieses Haus berichtet:
"Als im Jahre 1942 die teilweise übertünchten berühmten Willmannfresken der St. Josephskirche in Grüssau von dem Kunstmaler Johann Drobeck restauriert wurden, bezog er die Stube dieser Vorlaube als Quartier. 

Vorlaubenhaus
(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Die Scholtisei:

Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",

Heft Nr. 46/1867

Das Lehngut:

Das Klostervorwerk:

Das Klostervorwerk
(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",

Heft Nr. 82/1864

Kolonie Schönwiese:

Schönwiese lag abseits vom Zieder und gehörte als Kolonie Schönwiese zur Gemeinde Ober Zieder. Nur wenige kleine Weberhäuser - es waren insgesamt 15 - scharten sich um den Mittelpunkt dieser Kolonie, das Hönig`sche, später Walter`sche Gasthaus. Nach dem Adressbuch des Jahres 1925 setzte sich die Kolonie wie folgt zusammen:

  • Haus Nr.  1         Springer, Johann
  • Haus Nr.  2        Baumert, Albert
  • Haus Nr.  2        Krebs, Anna
  • Haus Nr.  3        Walter, Bruno  (Gasthof)
  • Haus Nr.  3        Schuda, Cäcilie
  • Haus Nr.  4        Stocker, Anna
  • Haus Nr.  4        Honig, Karl
  • Haus Nr.  5        Hönig, Herbert
  • Haus Nr.  5        Hielscher, Alois
  • Haus Nr.  6        Tilch, Julius
  • Haus Nr.  7        Körner, August
  • Haus Nr.  7        Knillmann, Rudolf
  • Haus Nr.  8        Müller, August
  • Haus Nr.  9/10  Mischek, Paul
  • Haus Nr.  9/10  Reuß, Johann
  • Haus Nr. 12        Engler, Gustav
  • Haus Nr. 14        Rösel, Alois
  • Haus Nr. 15        Schöbel, Hermann 

Das folgende Bild zeigt Hönigs Einkehrhaus im Jahre 1910.
Eigentümer war zu diesem Zeitpunkt Heinrich Hönig, Später übernahm Bruno Walter den Gasthof.

Frau Stocker in ihrer Stube. Sie hatte ihren Webstuhl, ihren Schärrahmen und ihr Spul- und Pfeifrad.
An den Sonn- und Feiertagen half sie im Hönig`schen, später Walter`schen Gasthof. Bekannt war ihr guter Bohnenkaffee.

Schönbacher Schulklasse, Jahrgänge 1926 / 27 / 28.

Gewerbetreibende in Ober Zieder

Auszug aus dem Amtlichen Adressbuch für Industrie, Handel und Gewerbe des Jahres 1927.

Steinkreuz

(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Partie am Zieder
(Bild von Herrn Tilman Taube - Aufnahme: 2005)

Kreuz zum Gedenken an den tragischen Tod eines Einwohners von Ober Zieder

Kranzniederlegung an dem 1995 errichteten Kreuz.

(Quelle: Schlesischer Gebirgsbote, 11/1995)

Kranzniederlegung an dem 1995 errichteten Kreuz.

(Quelle: Schlesischer Gebirgsbote, 11/1995)

Kranzniederlegung an dem 1995 errichteten Kreuz.

(Quelle: Schlesischer Gebirgsbote, 11/1995)

Die Tafel des Kreuzes auf einem Foto von 2006

(Quelle: Herr Marian Gabrowski)

Das Aussehen des alten Kreuzes, das bis 2019 bestand.

(Quelle: czadrow24.pl)

Das Kreuz befindet sich am Radweg, mit dem ehemaligen Bahnhof im Hintergrund.
(Quelle: Herr Marian Gabrowski)

Schauplatz des heutigen Gedenkens.

(Quelle: czadrow24.pl)

Das Kreuz, das am Radweg steht

(Quelle: Herr Marian Gabrowski)

Die Gedenktafel

(Quelle: Herr Marian Gabrowski)

Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",

Heft Nr. 70/1864.

Alte Flurnamen in Ober Zieder:

  • Böcks, Fritz: Die Flurnamen im Ziedertal in: Zeitschrift "Der Wanderer im Riesengebirge", Heft Nr. 10/1925


In Ober Zieder erinnern die "Kälberwiese" und der "Lämmerberg" an ein früher dort vorhanden gewesenes Vorwerk des Klosters Grüssau, das "Käsebrett" war ein früherer Forellenteich desselben, und eine von Dämmen eingefasste Wiese. An der "Brechhauswiese" befand sich einmal das Brechhaus. Diesen Flurnamen findet man in fast jedem Ort des Ziedertales, ein Beweis dafür, dass der Zisterzienserorden ein großes Interesse für den Anbau von Flachs hatte, um zur Hebung des Leinwandhandels beizutragen. Der "Fleischbachweg", welcher von der Scholtisei zu den "Fleischbachwiesen" führte, trägt seinen Namen nach einer im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Kolonie. Das "Prälatenhaus" mit dem "Siebenhubenfeld" ist eine Erinnerung an den letzten Abt des Zisterzienserordens, Ildephonsus Reuschel. In diesem Haus wurde er geboren, und die "Sieben Huben" kaufte er seinen Eltern hinzu. An das Cholerajahr 1832 erinnert der  "Cholera-friedhof", von welchem nur noch ein Kreuz mit einer Inschrift vorhanden ist, alles andere ist Wiese. Der "Lange Berg" ist ein Höhenrücken, welcher hier beginnt, und sich bis zur böhmischen Grenze hinzieht. Seinen Nordrand schmückt eine Felsengruppe, welche man die "drei Brüder" nennt. Auf die Anwesenheit Friedrichs des Großen während des Feldzuges 1745 weist der "Königsberg" hin, über welchen man zum "Langen Berg" hinaufgehen kann. In einem Bauerngut verschaffte sich der König schlichte Bauernkleidung, gesellte sich zu den übrigen landwirt-schaftlichen Arbeitern und beobachtete unerkannt die österreichischen Stellungen. Auf dem "Langen Berg" befindet sich auch die "Schwedenschanze" aus dem Dreißigjährigen Krieg. Auf sumpfiges Gelände weist die "Wagenschmierwiese" hin.

Abt Ildephons Reuschel (06.11.1742 - 05.11.1823)

(Quelle: Schlesische Provinzialblätter, Band 31, 4. Stück, April 1800, S. 389)