Michelsdorf (Miszkowice)
(Verfasser: Hella Tegeler)
Michelsdorf liegt im Goldbachtal an der Straße von Liebau nach Hermsdorf städt. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes stammt aus dem Jahre 1289, als der böhmische König Wenzel II. Michelsdorf zusammen mit den Dörfern Königshan (heute Tschechien), Kindelsdorf, Trautliebersdorf und der Stadt Schömberg dem Herzog Bolko I. von Schweidnitz-Jauer schenkte. Drei Jahre später gründete Bolko I. das Zisterzienserkloster Grüssau, dem Michelsdorf als Stiftsdorf angehörte. Nach dem Tod Bolkos II. gelangte es 1368 zusammen mit dem Herzogtum Schweidnitz-Jauer an die Krone Böhmen.
Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Michelsdorf 1742 zusammen mit dem größten Teil Schlesiens an Preußen. 1810 wurde das Klostergut säkularisiert. Nach der Neugliederung Preußens 1815 gehörte Michelsdorf zur Provinz Schlesien und war ab 1816 dem Landkreis Landeshut eingegliedert, mit dem es bis 1945 verbunden blieb. Es bildete eine eigene Landgemeinde und gehörte seit 1874 zusammen mit Hartau städt. und Petzelsdorf zum Amtsbezirk Hermsdorf städt. 1939 lebten 885 Einwohner in Michelsdorf. Heute gehört Michelsdorf zur Landgemeinde Lubawka (Liebau).
Das wohl bekannteste Gebäude in Michelsdorf ist der malerische Fürstenkretscham. Dieser 1624 gebaute Umgebindeholzbau wurde auf einem mächtigen Sockelmauerwerk aus dem 11. Jahrhundert errichtet. Im Jahre 1810 fand hier das in die Geschichte eingegangene geheime Treffen zwischen dem Freiherrn vom Stein und dem preußischen Staatssekretär Karl August von Hardenberg statt.
Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Klapper/Dr. Huppertz: Chronik von Michelsdorf 1922
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Flecken und Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Dr. Reuschel, Andreas: Grüße, von fern und doch ganz nah.........................., hrg. im Auftrag des
Arbeitskreises Landeshut, April 2013, roco-Druck GmbH, Wolfenbüttel
- Dr. Reuschel, Andreas: Wie es doaheeme woar................, hrg. im Auftrag des Arbeitskreises
Landeshut, Februar 2016, roco-Druck GmbH, Wolfenbüttel
- Schlesischer Gebirgsbote
- Wikipedia, die freie Enzyklopädie
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785
(Karte von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
(Karte von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die Kirchengemeinden in Michelsdorf:
Michelsdorf war ein Kirchdorf mit Kirchen beider Konfessionen. Die überwiegende Mehrheit der Bewohner war evangelisch. Nach der Michelsdorfer Chronik wurde erstmalig im Jahr 1363 eine katholische Kirche erwähnt. Sie war zwar kleiner als die jetzige katholische Kirche, hatte aber im Unterschied zur jetzigen, die nur ein Orgelchor hat, nachweislich 2 Emporen. Nach der Reformation wurde sie den evangelischen Gläubigen zugesprochen. Beide Konfessionen hielten zunächst ihre Gottesdienste darin ab.
Nach Abschluss des Westfälischen Friedens im Jahre 1648, als die sich bis dahin streitenden Mächte geeignet hatten, dass der Landesherr die Religion und den Glauben seiner Landeskinder bestimmen dürfe, wurde die evangelische Kirche am 7. Februar 1654 den Protestanten weggenommen und den katholischen Bewohnern des Dorfes übereignet. Der letzte evangelische Pfarrer Pätzold konnte gemeinsam mit seiner Familie noch zwei Jahre in seiner Gemeinde im Verborgenen leben. Als aber 1656 Michelsdorf mit Pfarrer Reimann einen eigenen katholischen Geistlichen erhielt, konnte er nicht unentdeckt bleiben. Ob Pätzold in Büschen und Wäldern als Buschprediger seinen ehemaligen Gemeindegliedern diente, konnte nicht festgestellt werden. Im Jahre 1656 wurde er mit seiner Familie in Jauer eingekerkert. Die Haft soll 37 Wochen gedauert haben.
In den kommenden 88 Jahren mussten die evangelischen Bewohner Michelsdorfs auf den Gottesdienstbesuch verzichten, da die nächsten evangelischen Kirchen die Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz waren. Für die damaligen Verhältnisse waren dies fast unüberwindbare Entfernungen. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts wurden die Gnadenkirchen in Landeshut und Hirschberg errichtet, die für die Dorfbewohner wieder einen Gottesdienstbesuch ermöglichten.
Erst nachdem Friedrich der Große im Ersten schlesischen Krieg das schlesische Land erobert hatte, bekamen auch die Michelsdorfer wieder ein eigenes evangelisches Kirchspiel mit einer neuen evangelischen Kirche.
Die evangelische Kirchengemeinde:
Am 12. April 1742 bekam die evangelische Kirchengemeinde die Erlaubnis zum Bau einer Kirche. Die Grundsteinlegung erfolgte am 2. Mai und bereits am 17. Juni 1742 wurde das Bethaus geweiht. Es handelte sich um einen sehr schlichten Holzbau. Zwischen 1743 und 1745 wurde das Pfarrhaus errichtet, das im Jahre 1913 durch einen Neubau ersetzt wurde. Im Laufe der Jahre stellten sich jedoch erhebliche Mängel an dem Bethaus ein, so dass zwischen 1771 und 1773 ein massiver Kirchenbau entstand. Im Jahre 1842 erhält der Kirchturm Glocken und trägt seit 1846 eine Turmuhr. Bis 1901 hatte die Kirche ein Schindeldach, das durch ein Schieferdach ersetzt wurde.
Das Kirchspiel umfasste folgende Ortschaften: Hartau städt., Hermsdorf städt., Kunzendorf, Michelsdorf, Oppau und Petzelsdorf.
Zur Erinnerung an die am 17. Juni 1742 erfolgte Einweihung der evangelischen Kirche wurde alljährlich , an einem Montag, das Kirchenfest gefeiert. Am Vor- und Nachmittag waren Festgottesdienste und auf dem Platz vor der Kirche sowie beim Fürstenkretscham standen Waren- und Schaubuden.
Nach 1945 wurde die Kirche dem Verfall preisgegeben und ist derzeit eine Ruine. Die ehemalige Innenausstattung soll sich heute in der katholische Pfarrkirche in Zillerthal-Erdmassdorf befinden.
50jähriges Kirchenjubiläum der evangelischen Kirche am 18. Juni 1792:
Am 18. Juni 1792 konnte die evangelische Kirchengemeinde das 50jährige Bestehen ihrer Kirche festlich begehen. Über dieses Ereignis wurde in den "Schlesischen Provinzialblättern", Bd. 16, 7. Stück, Juli 1792 (Nachtrag) ausführlich berichtet (s. folgender Artikel).
Bericht Teil I
Bericht Teil II
Folgende evangelische Pfarrer waren in Michelsdorf tätig:
Quellen:
- Klapper/Dr. Huppertz: Chronik von Michelsdorf, Hermsdorf städt., Petzelsdorf, Hartau städt., Oppau, Kunzendorf, Verlag des Ev. Pfarramts Michelsdorf 1922 - Druck Friedhelm Papenstein, Essen
- Neß, Dietmar: Schlesisches Pfarrerbuch, 7. Band, Regierungsbezirk Liegnitz, Teil II, Evangelische Verlagsanstalt 2016
Bis 1563 Johannes Hintzius (Hinz)
1564 Albert Bamberg
1565 - 1601 Thomas Colethus
1601 - 1648 Samuel Thymner (Thimner)
1648 - 1654 George Petzold (Paetzelt)
1654 - 1742 Vakanz des evangelischen Gottesdienstes
1742 - 1781 Johann Heinrich Ruffer, Mag.
1782 - 1799 Michael Gottfried Fetter
1799 - 1811 Gottlieb August Melz
1811 - 1831 Carl Friedrich Ueberschaer
1831 - 1853 Carl Gustav Theodor Bellmann
Auszug aus dem Amtsblatt der Preußischen Regierung zu Liegnitz, 1853
1854 - 1882 Ernst "Gustav" Julius Trogisch
Bis 1881 Otto Julius Hayder
1882 - 1884 Vakanz
1884 - 1887 "Johannes" Friedrich Karl Petran
1887 - 1894 "Edwin" Max Martin Adam Meurer
1894 - 1898 "Hugo" Paul August Moka
1899 - 1907 Karl "Rudolf" Posselt
1908 - 1917 Gustav Adolf Klapper
1917 - 1925 Friedrich Forell
1926 - 1940 Hans Huppertz
1940 Gerhard Konzack
Links im Bild das evangelische Bethaus.
Die evangelische Kirche
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Das Innere der evangelische Kirche mit Blick auf den Altar und die Kanzel am linken Bildrand. Die Plätze in den Bänken sind nummeriert und konnten gemietet werden.
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Innenraum mit Blick auf Altar, Kanzel und Emporen.
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die evangelische Kirche mit dem Pfarrhaus
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die evangelische Kirche mit dem Pfarrhaus
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Blick auf die Ruine der früheren evangelischen Kirche,
im Hintergrund die katholische Kirche
(Bild von Herrn Jürgen Paul - Aufnahme: September 2019)
Die Ruine der früheren evangelischen Kirche
(Bild von Herrn Jürgen Paul - Aufnahme: September 2019)
Am 14. Juni 1869 wurde in einer feierlichen Zeremonie der neu vergoldete Turmknopf und die Fahne aufgesteckt.
Bericht in der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",
Heft Nr. 71/1869.
Die katholische Kirchengemeinde:
Wie bereits erwähnt, wird nach der Michelsdorfer Chronik erstmalig im Jahr 1363 eine katholische Kirche genannt. Zwischen 1727 und 1729 wurde der jetzige Neubau auf dem Platz der Vorgängerkirche errichtet. Der Turm, der die Zahl 1587 trägt, und die drei Glocken (1520, 1633 und 1641) stammen noch aus der ersten Kirche. Auch der Neubau der Kirche wird den "Allerheiligen" geweiht.
Blick auf die katholische Kirche. Links, durch einen Baum versteckt, liegt die evangelische Kirche.
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die katholische Kirche heute.
Die katholische Kirche heute.
(Bild von Herrn Jürgen Paul - Aufnahme: September 2019)
Die katholische Kirche - Der Altar
(Bild von Herrn Friedrich Klose - Aufnahme: 2013,
zur Verfügung gestellt von Frau Ursula Paul aus Puchheim)
Grabsteine an der Außenmauer der Kirche und Gruften
(Bild von Herrn Jürgen Paul - Aufnahme: September 2019)
Gedenktafel zur Erinnerung an frühere Bewohner des Goldbachtales:
Im Jahre 1999 wurde eine Gedenktafel an die Außenwand der katholischen Kirche angebracht, die an die früheren Bewohner des Goldbachtales erinnern soll. Sie ist sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache gehalten. Der für Michelsdorf, Hermsdorf, Oppau und die umliegenden Dörfer zuständige katholische Pfarrer lud die deutschen Besucher sowie einige polnische Bürger zu einer kleinen Andacht in die Kirche ein. Die Tafel wurde von dem Geistlichen geweiht. In deutscher Sprache lautet die Inschrift: "Zum Gedenken - Schließt in Eure Gebete alle Christen mit ein, die hier im Goldbachtal leben und gelebt haben. Anno Domini 1999"
Initiiert wurde diese Aktion von ehemaligen Michelsdorfern Bewohnern in enger Absprache mit den zuständigen polnischen Behörden. Bescheidene Geldmittel standen aus Umlagen während der Heimattreffen zur Verfügung.
Blick auf die Gedenktafel an der Außenmauer der Kirche
(Bild von Herrn Jürgen Paul - Aufnahme: September 2019)
Die Gedenktafel
Die "Pestglocke" aus der katholischen Kirche:
Sowohl die Glocken der evangelischen als auch die der katholischen Kirche wurden während des Zweiten Weltkrieges zum Einschmelzen abtransportiert. Der "Pestglocke" aus dem Jahr 1641 blieb jedoch dieses Schicksal erspart. Sie wurde auf dem Glockenfriedhof in Hamburg entdeckt. Durch Vermittlung des Erzbischöflichen Generalvikariates wurde sie der Kirchengemeinde St. Marien zu Köln - Kalk als Leihgabe übergeben. Am 30. November 1952 erklang erstmalig ihr Geläut. Am Glockenrand ist folgender Text eingraviert: "MERTEN RABE FORBRIG MAN GEORG FERLE CHRISTOPH REISSEL GEORG KLOSE HANDELSMANN".
Quellen:
- Schlesischer Gebirgsbote Nrn. 5/1994 und 11/1996
Die "Pestglocke" aus dem Jahr 1641
Die katholische Kirche St. Marien in Köln - Kalk
Gefallene des 1. Weltkrieges:
Kriegerdenkmal und Ehrentafel für die im Weltkrieg Gefallenen:
Die Ehrentafel für die im Weltkrieg Gefallenen
und Mitkämpfer.
Pastor Forell weihte diese Tafel am 26.11.1920. Die Kosten in Höhe von 1.500 Mark brachten freiwillige Spender auf.
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Das Kriegerdenkmal
Das Kriegerdenkmal
Das Kriegerdenkmal
(Aufnahme: 2014)
Die Schulen:
Die evangelische Schule:
Am 8. Juli 1913 wurde der Neubau eines neuen Schulgebäudes in der Ortsmitte beschlossen. Für die fast 100 Schüler hatte der Regierungspräsident in Liegnitz 2 Klassenzimmer und einen 2. Lehrer gefordert. (Der Pastor hatte einen größeren Bau vorgeschlagen, der auch die katholische Schule einbeziehen sollte, zwar unter einem Dach aber sonst getrennt). Baubeginn war 1914, die Fertigstellung erfolgte im Jahr 1915.
An dem Schulgebäude stand folgende Inschrift: "In großer Zeit bin ich geschaffen, wo Deutsches Volk und Deutsches Schwert, sich gegen eine Welt von Waffen in blut`gem Kampfe treu bewährt."
Die katholische Schule:
Die katholische Schule stammte aus dem Jahr 1842. Sie bestand bis 1939/1940 als einklassige Volksschule. Alle Schüler der Klassen 1 bis 8 wurden in einem Klassenraum unterrichtet.
Bauausschreibung für das katholische Schulhaus.
Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",
Heft Nr. 52/1841.
Die evangelische Schule
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die katholische Schule
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule der Jahrgänge 1897 - 1901 und 1911
Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule,
2. Klasse um 1927
Schulanfänger der evangelischen Volksschule im april 1932
Von links nach rechts - oben: Hanna Teich, Ilse Würfel, Ilse Bürgel,
Ursel Klose und Erna Lorenz
Untere Reihe: Heinz Rummler, Erwin Guschke, Wolfhard Knobloch, Hans Exner und Otto Rasper.
Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule
mit den Lehrern Kimmer und Poguntke (Jahr 1933)
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Schülerinnen und Schüler der katholischen Volksschule Michelsdorf-Hermsdorf städt. mit den Jahrgängen 1919 - 1927
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Vom Hermsdorfer "Rettungshaus" zum Michelsdorfer "Haus Gottestreue"
Der Theologe Johann Hinrich Wichern war der Gründer der sog. "Rettungshäuser" in Deutschland. Er erkannte die vielfältige soziale Not der Bevölkerung in der Mitte des 19. Jahrhunderts und nahm sich insbesondere der Straßenkinder seiner Heimatstadt Hamburg an. Für diese armen Geschöpfe schuf er "Rettungshäuser". Die erste Einrichtung dieser Art war das 1833 eingeweihte "Rauhe Haus" im Hamburger Vorort Horn. Seine Idee fand schnell Nachahmer.
Auch in Schlesien gab es zur damaligen Zeit soziale Mißstände. Insbesondere die Weber litten große Not. Der große schlesische Schriftsteller Gerhart Hauptmann, dessen Vater ebenfalls aus einer Weberfamilie stammte, hat diese schlimmen Verhältnisse in seinem Drama "Die Weber" eindrucksvoll dargestellt. In den Gebirgsdörfern, in denen der Ackerbau nur sehr wenig Ausgleich bot, war die Not am größten. Was nutzte es, wenn der Handweber von früh bis spät täglich 16 Stunden am Webstuhl arbeitete, und auch Frau und Kinder kräftig mithalfen, Hunger und Not wollten doch nicht weichen. Hoffnungslos standen sie diesem Schicksal gegenüber. Viele dieser armen Menschen legten entmutigt die Hände in den Schoß und gaben sich der Bettelei hin. Besonders schlimm war es, dass auch junge Menschen durch diese Mißstände aus der Bahn geworfen wurden.
So wie 20 Jahre zuvor in Hamburg, erkannte auch hier in Schlesien ein Pastor die Not der Menschen und wurde aktiv. Der seit 1854 in Michelsdorf tätige Pastor Gustav Trogisch nahm sich dieser armen, verzweifelten Leute an und wollte ein "Rettungshaus" gründen. Im benachbarten Ort Hermsdorf fand er ein geeignetes Objekt, das allerdings bereits fast schon zur Ruine heruntergekommen war. Es handelte sich um den "oberen Fürstenhof", ein altes Hofeschloss. Über dem Portal prangte das Schaffgotsch-Wappen mit der Zahl 1541 und folgender Inschrift: "Gott, du ewiges Wort, hilf dem Leibe hier, der Seele dort." Bis ins 18. Jahrhundert gehörte es den böhmischen Grafen Czernin, später ging es in den Besitz der Stadt Schmiedeberg über. Im Sommer 1856 pachtete Pastor Trogisch dieses alte Schloss. Um es bewohnbar zu machen, war er allerdings auf Spenden angewiesen und diese flossen reichlich. Sowohl Graf Stolberg zu Wernigerode als auch der Kreis und der Central-Hilfe-Verein unterstützten ihn. Aber auch er investierte viel Zeit, Kraft und Geld in diese Aufgabe. Die ersten zwanzig Personen konnten nun einziehen. Nach und nach machte das Rettungshaus seinem Namen alle Ehre und auch die Zahl der Skeptiker wurde geringer. Die umliegenden Gemeinden sandten Dankschreiben und waren froh, dass die Bettelei auf ein unbedeutendes Maß zurückgegangen war. Die Zahl der Bewohner erhöhte sich im Laufe der Jahre auf 40 - 50 Personen.
Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",
Heft Nr. 9/1859.
Das alte Hofeschloss in Hermsdorf städt., später Rettungshaus.
Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge", Heft Nr. 67/1863.
Doch noch etwas anderes bedrückte Pastor Trogisch - die Not vieler Kinder. Daher errichtete er zusätzlich auch ein Kinderrettungshaus. Die Kinder sollten nicht wieder in das Elend zurücksinken. Er sorgte sowohl für ihren Unterhalt als auch für ihre Erziehung. Da die Zahl der hilfesuchenden Kinder aber ständig zunahm, musste dringend nach einem größeren Haus Ausschau gehalten werden. Dieses Objekt fand er in seiner Pfarrgemeinde Michelsdorf. Im Jahre 1864 erwarb er mit den bescheidenen Mitteln aus einer Stiftung und einem Vermächtnis für 9.500 Thaler ein Bauerngut von 100 Morgen. Auf Empfehlung des Grafen Stolberg zu Wernigerode hatte ein Herr Martius aus Braunschweig dem Rettungshaus eine Summe von 1.616 Thaler testamentarisch vermacht. Natürlich reichten die Gesamtmittel für den Kauf und den erforderlichen Umbau nicht aus. Erst 1879 konnte Pastor Trogisch den größten Teil der Schulden tilgen.
Im neuen Heim, das aus einem Wohnhau, den Wirtschaftsgebäuden, Stallungen sowie Ackerland und Wald bestand, war nun genügend Platz vorhanden. Wie in Hermsdorf, wurde auch im Michelsdorfer Rettungshaus Ackerbau und Viehzucht betrieben. Da die älteren Kinder dabei helfen konnten, wurde die Versorgung mit Nahrung erleichtert und selbstverständlich auch preisgünstiger. Für die auswärtigen Kinder mussten die Fürsorgepflichtigen Unterhaltsbeihilfen zahlen. für seine Heimkinder lebte Pastor Trogisch, er sparte und opferte für sie. Sie ersetzten ihm, dem Unverheirateten, bis zu einem gewissen Grad die Familie. Reichten die finanziellen Mittel trotz aller Sparsamkeit manchmal nicht aus, so wusste er von öffentlichen, kirchlichen und privaten Stellen immer wieder welche zu beschaffen. Auch die preußische Königinwitwe Elisabeth und die Kaiserin Augusta unterstützten seine Anstalt. Michelsdorf war für Pastor Trogisch zur Heimat geworden. Als er 1865 das Angebot erhielt, Reiseprediger der Inneren Mission zu werden, lehnte er ab. Auch die 1875 angebotene Mitarbeit an der "Allgemeinen Evangelisch-lutherischen Kirchenzeitung" schlug er aus. Er blieb Michelsdorf und den ihm anvertrauten Kindern seines Rettungshauses bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1882 treu. Aus gesundheitlichen Gründen musste er bereits im Alter von 55 Jahren emeritiert werden. Seinen Lebensabend verbrachte er in Landeshut. Hier verstarb er am 29. Mai 1888 und wurde in Michelsdorf beigesetzt.
Auch nach seinem Tod wurde sein Lebenswerk weitergeführt. Der jeweilige Michelsdorfer Pastor war zugleich Direktor des Rettungshauses. 1917 übernahm Pastor Friedrich Forell die vakante Pfarrstelle. Er war der Schwiegersohn des Landeshuter Pastors und späteren Superintendenten Georg Kretschmar. Im Oktober 1921 zerstörte ein Großbrand die Wirtschaftsgebäude des Rettungshauses. Der von Pastor Forell beabsichtigte Wiederaufbau war gerade in der Inflationszeit mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Da lernte er durch eine wundersame Fügung des Schicksals die Diakonisse Eva von Tiele-Winckler kennen.
Die aus Miechowitz in Oberschlesien stammende Tochter einer Adelsfamilie hatte, einem Rat Friedrich von Bodelschwingh folgend, eine eigene evangelische Schwesternschaft gegründet. Sie selbst war in Bethel als Diakonisse eingekleidet und eingesegnet worden. Mutter Eva, wie sie nun aufgrund ihrer liebevollen Zuneigung genannt wurde, schaffte eine Schwesternordnung, die "Regeln für die Gemeinschaft der Friedensschwestern". Darin verpflichteten sich die Schwestern für ihr ganzes Leben zur sozialen Arbeit im Dienst für Christus. Sie wählten ihre Aufgaben nicht selbst, sondern wurden begabungsgemäß dort eingesetzt, wo sie gebraucht wurden. Ein wichtiger Aufgabenbereich war für Schwester Eva, heimatlosen Kindern eine Heimat zu schaffen. Sie gründete in vielen Städten und Dörfern so genannte Kinderheimaten. Hier fanden verlassene Kinder in gemeindenahen, überschaubaren, familienähnlichen und von einer Schwester geleiteten Lebensgemeinschaften ein Zuhause. Finanzielle und materielle Grundlagen dieser gesamten Einrichtungen bildeten die GmbH "Heimat für Heimatlose", Schenkungen von Grundstücken und Gebäuden sowie Sach- und Geldspenden aus Freundeskreisen. Im Jahr 1921 suchte Schwester Eva dringend eine Bleibe für die Kinder einer Kinderheimat in Neugrabia, Landkreis Thorn in Westpreußen. Dieses Haus musste aufgrund der politischen Verhältnisse aufgegeben werden, da nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages im Januar 1920 der Landkreis Thron an den neu gegründeten polnischen Staat abgetreten worden war. Ein Wink des Schicksals machte sie auf das ehemalige "Rettungshaus" in Michelsdorf aufmerksam. In ihren Lebenserinnerungen berichtete sie darüber wie folgt:
"Die Gemeinschaftskonferenz in Breslau im Jahr 1921 ließ mich mit Schwester Christa zusammentreffen, deren Herz beschwert war und voller Fragen, was nun aus ihren Kindern werden sollte, ob man nicht die Kinder von Neugrabia in die anderen Heimaten verteilen solle. Da wurde während dieser Überlegungen ein "schwerwiegender" Brief überreicht. Er war von dem Ortsgeistlichen des Dorfes Michelsdorf, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Michelsdorfer Rettungshauses war. Verschiedene innere und äußere Ursachen hatten das Komitee veranlasst, das Haus als Rettungshaus eingehen zu lassen, wenn sich eine Organisation bereitfinden würde, die Arbeit selbständig in freier Weise fortzusetzen. Die seit einigen Jahren in Michelsdorf untergebrachten Fürsorgezöglinge sollten in ein neuzeitlich eingerichtetes Fürsorgeheim überführt werden. Auf diese Weise würde das Haus zu anderen Zwecken frei. Kurz vorher hatte einer der Zöglinge die Hofgebäude in Brand gesteckt. Sie standen teilweise noch als Ruine da, sollten aber vom Komitee noch einigermaßen gebrauchsfähig wieder hergestellt werden. Wie uns zumute war beim Lesen dieses Briefes, kann man sich vorstellen, wenn man sich die Lage klarmacht! Hier die Schar von etwa fünfzig heimatlosen Kindern, dort durch merkwürdige Umstände ein großes, freigewordenes Haus mit teilweisem Inventar zur Belegung angeboten. Diese Stunde wird uns unvergeßlich bleiben. Es war so ein sichtbares, wunderbares Eingreifen Gottes in großer Not. Wir beugten uns gemeinsam in Dank und Anbetung. "Herr, Dein Rat ist wunderbarlich und Du führest alles herrlich hinaus!" So zogen denn Anfang April 1922 die etwa fünfzig Kinder in das ehemalige Rettungshaus Michesldorf ein, welches nun den Namen "Gottestreue" erhielt und uns für zunächst zehn Jahre frei zur Verfügung gestellt wurde."
Leitende Schwester des Hauses "Gottestreue" wurde Elfriede Langer, die selbst als achtjähriges Waisenkind in den Friedenshort gekommen war. Unter ihrer Obhut konnten die heimatlosen Kinder in dem beschaulichen Michelsdorf, umgeben von den Bergen des Riesengebirges, ein behütetese und geborgenes Leben führen. Das von Pastor Trogisch begonnene Werk wurde auf wunderbare Weise fortgeführt.
Das Rettungshaus in Michelsdorf
Das Rettungshaus in Michelsdorf
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Die Gastronomie:
Wegen seiner vorzüglichen Lage am Fuße des 1.200 m hohen Kolbenkammes und im landschaftlich überaus reizvollen Goldbachtal war Michelsdorf eine sehr beliebte Sommerfrische.
Im Ort gab es drei Gasthäuser:
1. Haus Nr. 146 Gasthof "Unter den Grenzbauden"
2. Haus Nr. 201 Gasthof "Zum goldenen Frieden"
3. Haus Nr. 207 "Der Fürstenkretscham"
Bildmitte: Gasthof "Unter den Grenzbauden,
Bild unten: Gasthof "Zum goldenen Frieden"
(Bild von Herrn Dr. Andreas Reuschel)
Gasthof "Zum goldenen Frieden"
(Besitzer: Gustav Hermann, später Marie und Alfons Hermann)
Gasthof "Unter den Grenzbauden"
(Besitzer: Ferdinand Rasper, später Hermann Rasper)
Gasthof "Unter den Grenzbauden"
(Bild von Herrn Andrzej Rogas)
Der frühere Gasthof "Unter den Grenzbauden"
(Bild von Herrn Friedrich Klose - Aufnahme: 2013,
zur Verfügung gestellt von Frau Ursula Paul)
Anzeige aus der Zeitung "Der Bote aus dem Riesengebirge",
Heft Nr. 50/1867.
Ziegeleibetrieb:
Hermann Rasper betrieb nicht nur den Gasthof "Unter den Grenzbauden", sondern besaß auch einen Ziegeleibetrieb.
Das folgende Bild zeigt die Ziegelei Rasper, gemalt von Erich Fuchs.
Der Fürstenkretscham:
Das wohl bekannteste und berühmteste Gasthaus im Kreis ist mit Sicherheit der Fürstenkretscham. Es war ursprünglich ein Jagdhaus des Fürsten Michael von Trautenau und wurde im Jahre 1012 erbaut. Der Name des Gasthauses geht auf das geheime Treffen des Fürsten Karl August von Hardenberg und des Freiherren vom Stein im Jahre 1810 zurück.
Der Fürstenkretscham (Besitzer: Wilhelm Heinzel)
Die frühere Wirtin des Fürstenkretschams, Frau Anna Heinzel
Der Fürstenkretscham (Besitzer: Wilhelm Heinzel)
Der Fürstenkretscham - Treppenaufgang
Der Fürstenkretscham - Innenansicht
Der Fürstenkretscham - Innenansicht
Der Fürstenkretscham im Jahre 2013
Der Fürstenkretscham - Der Treppenaufgang
(Bild von Herrn Roman Grochalski, Wroclaw - Breslau)
Erdbeben vom 31. Januar 1883:
Am 31. Januar 1883 ereignete sich ein Erdbeben, welches Trautenau mit seiner Umgebung und Braunau erschütterte. Insgesamt waren 117 Orte betroffen, davon lagen 81 Orte im böhmischen Teil Schlesiens und 25 Orte im preußischen Teil. Die Erdstöße waren auch in Michelsdorf spürbar
(s. folgender Bericht des Pastor em. Trogisch, den Frau Roswitha Rueschkamp zur Verfügung stellte).
Bericht Teil I
Bericht Teil II