Trautliebersdorf (Kochanów)

(Verfasser: Hella Tegeler)

Trautliebersdorf, das Dorf zwischen Totenkopf und Schanzen, liegt 4 km nordöstlich von Schömberg. Südlich verläuft die Landesgrenze zu Tschechien.

Erstmalig urkundlich erwähnt wird der Ort im Jahre 1289 unter dem Namen "Trutlibisdorf". Damals schenkte der böhmische König Wenzel II. Trautliebersdorf zusammen mit den Dörfern Königshan, Kindelsdorf, Michelsdorf und der Stadt Schömberg dem Herzog Bolko I. von Schweidnitz-Jauer. Sein Enkel Bolko II. schenkte im Jahre 1365 "Trutlibisdorf" mit allen Rechten und Einkünften sowie dem Kirchenpatronat und der Gerichtsbarkeit dem Kloster Grüssau mit der Bestimmung, die Stiftung solle erst nach seinem Tod wirksam werden. Als Grüssauer Stiftsdorf gelangte es nach dem Tod des Herzogs Bolko II. zusammen mit dem Herzogtum Schweidnitz erbrechtlich an Böhmen, wobei Bolkos II. Witwe Agnes von Habsburg bis zu ihrem Tod 1392 ein Nießbrauch zustand.

Im Jahre 1647 fand ein Gefecht zwischen 500 kaiserlichen und schwedischen Reitern auf den Feldern zwischen Trautliebersdorf und Rosenau statt, wobei der Anführer der Schweden fiel. Über 100 Jahre später, am 9. Juli 1759, fand auf dem gleichen Schlachtfelde ein Gefecht zwischen dem Benkendorfschen Grenadier-Regiment und einem österreichischen Husaren-Regiment mit beiderseitigen Verlusten statt. Aus jenen Tagen stammen auch die Trautliebers-dorfer/Kindelsdorfer Schanzen.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Trautliebersdorf 1742 zusammen mit Schlesien an Preußen. 1810 wurde das Klostergut säkularisiert. Nach der Neugliederung Preußens 1815 gehörte Trautliebersdorf zur Provinz Schlesien und war ab 1816 dem Landkreis Landeshut eingegliedert, mit dem es bis 1945 verbunden blieb. Es bildete eine eigene Landgemeinde und war seit 1874 Sitz des gleichnamigen Amtsbezirks, zu dem auch die Landgemeinde Kindelsdorf gehörte. Von wirtschaftlicher Bedeutung waren mehrere Stein- und Kalksteinbrüche.

Trautliebersdorf besitzt ein einzigartiges Denkmal aus dem Mittelalter, einen Steinernen Gerichtstisch mit acht Sitzplätzen (s. Bild unten). Er befindet sich auf einem kleinen Hügel, etwa 300 m nördlich vom Dorf. Rechtskräftige Urteile wurden an Gerichtsplätzen gefällt. wenn die Verhandlung nicht in dem Gerichtskretscham stattfand, so wurden Gerichtstische errichtet. Zuerst wurden sie aus Holz hergestellt, erst im 16. und 17. Jahrhundert wurden sie durch steinerne Objekte ersetzt.

Die katholische Kirche St. Matthäus wurde 1636 an der Stelle eines früheren Gotteshauses von 1364 errichtet. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie im barocken Stil umgebaut. Für die evangelischen Bewohner Trautliebersdorf war die Kirche in Friedland zuständig. Im Jahre 1925 zählte der Ort 418 Einwohner (davon 49 evangelisch) und 1939 = 401. Heute gehört Trautliebersdorf zur Landgemeinde Kamienna Góra (Landeshut).

Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Flecken und Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Pohlendt, Heinz: Die Landeshuter Passlandschaften, Priebatschs Buchhandlung Breslau 1938
- Wikipedia, die freie Enzyklopädie
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785

Diesen Abzug einer Karte stellte Frau Margit Kneifel, geb. Gläser, zur Verfügung.

Karte von Herrn Stephan Reuß

Blick auf Trautliebersdorf

Blick auf Trautliebersdorf

Die katholische Pfarrkirche St. Matthäus:

Die katholische Pfarrkirche St. Matthäus wurde im Jahre 1636 erbaut. Sie entstand an der Stelle eines früheren Gotteshauses aus dem Jahre 1364. Für die Bauausführung zuständig war der Zimmermann und Steinmetz Hähndel aus Friedland. Die Errichtung des Turmes und des Glockenstuhles erfolgten im folgenden Jahr. Die vom Glockengießer Schröder in Arnau gegossene Glocke wog ca. 5 Zentner. Eingeweiht wurde die Kirche im Jahre 1637 von Abt Johann Benno in Gegenwart des Prälaten Rieling von Grüssau.
Das neben der Kirche befindliche Pfarrhaus stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Die katholische Pfarrkirche mit dem Pfarrhaus 

(Aufnahme: vor dem Krieg)

Die katholische Pfarrkirche mit dem Pfarrhaus - heute

Die katholische Pfarrkirche im Mai 2007

(Bild von Frau Brigitta Riedel)

Pfarrer Arnold feierte im Jahre 1927 
sein silbernes Priesterjubiläum.

Das Josef-Stift:

Die Errichtung des Josef-Stiftes erfolgte im Jahre 1910. Geleitet wurde es von den Grauen Schwestern. Auch die umliegenden Gemeinden profitierten von dieser Schwesternstation.

Das Josef-Stift vor dem Krieg

Das Josef-Stift heute

Die Schule:

Nach den Adressbüchern der Jahre 1911, 1925 und 1938 waren in Trautliebersdorf in diesen Zeiträumen folgende Lehrer tätig:

  • 1911                         =                  Kantor Karl Schöbel
  • 1925                        =                  Kantor Max Otto

                                                           Clemens Hoffbauer

  • 1938                        =                  Kantor Willibald Hellwig      

                                                           Erich Pellhorn

Eine katholische Schule wird im 5. Band von Zimmermanns Beyträgen zur Beschreibung von Schlesien im Jahre 1785 erwähnt. Das alte Schulgebäude befand sich in der Nähe der Kirche im Oberdorf, später wurde ein neues Schulhaus errichtet. Das alte Schulgebäude wurde zu Wohnzwecken umfunktioniert.

Das alte Schulgebäude (Aufnahme: Mitte 1970)

(Bild von Frau Roswitha Reinhold, geb. Puschmann)

Das neue Schulhaus und das Lehrerheim (Aufnahme: 1965)

Schulklasse im Jahre 1924

Hedwig Puschmann - Haus Nr. 57 - als Schülerin

(Bild von Herrn Bernhard Puschmann)

Haus Nr. 8 - Kolonialwarenhandlung Paul Körner

Haus Nr. 64 - Bäckerei und Warenhandlung August Rösner

Die Scholtisei:

Vorbemerkung:
Quelle:

  • Von Lutterotti, Nikolaus: Die Scholtiseien der Grüssauer Stiftsdörfer im Kreise Landeshut um 1400 - in: Heimatkalender des Kreises Landeshut/Schl. 1927, herausgegeben von Kreisausschuß-Sekretär Hornig Landeshut 1. Jahrgang - Druck: Schlesierverlag L. Heege, Schweidnitz


Zu den kostbarsten Stücken des Grüssauer Klosterarchivs gehört ein auf Pergament geschriebenes Zinsregister des Klosters, das um das Jahr 1400 entstanden ist. Dieses Zinsregister enthält u. a. auch wertvolle Angaben über die Geschichte der Scholtiseien des Kreises Landeshut. In der Kolonisationszeit warben Unternehmer, auch Lokatoren genannt, im Auftrag des Grundherren Kolonisten aus dem deutschen Westen an und siedelten dieselben in bereits bestehenden slawischen Dörfern oder auf Neurodungen an. Als Entgelt für ihre Bemühungen erhielten diese Lokatoren in der neuen Siedlung ein Stück Land, das frei war von jeder Abgabe an den Grundherren. Nur im Kriegsfalle waren manche von ihnen zur Heeresfolge mit einem Roß verpflichtet. Dieser herzoglich Roßdienst wurde später vom Landesfürsten öfters dem Kloster geschenkt, so dass er in Kriegszeiten dem Abt geleistet wurde. Das Ansehen, dass der Lokator durch seine Steuerfreiheit und seinen größeren Besitz besaß, sicherte ihm und seinen Nachkommen eine hervorgehobene Rolle im Dorfe zu. Als "Scholze" wurde er das Dorfoberhaupt und die berufene Mittlerperson im Verkehr mit dem Grundherren. Oft erweiterte er seinen Grundbesitz durch Erbschaft und Käufe. Für diesen Zuwachs musste er aber Zins und Dienste leisten wie die anderen Dorfbewohner. Nur das Stammgut blieb steuerfrei. Es wurde als eine Art Lehen angesehen. Ohne Genehmigung des Abtes konnte es nicht veräußert werden. Bei Besitzwechsel zog der Abt für die Weitergewährung der Privilegien eine Abgabe von 10 Proz., das "Laudeminium" ein. Um die Oberhoheit des Abtes anzuerkennen, mussten die Scholzen auch von ihrem steuerfreien Stammgut einen kleinen, sinnbildlichen Anerkennungszins entrichten. Meist waren sie verpflichtet, sich zweimal im Jahr dem Abt mit einem kleinen Geschenk vorzustellen, das bald näher bestimmt, bald ihrem Belieben überlassen war. Man nannte das "den Herrn Abt ehren = honorare Dominum Abbatem".

Die Scholzen hatten auch die Niedergerichtsbarkeit (judicium) und die Niedervogtei (advocatia) in ihrem Dorfe. Zur niederen Gerichtsbarkeit gehörten die Fälle, die heute der Schiedsmann schlichtet. Vor der niederen Vogtei wurden Käufe und Verträge abgeschlossen. Manche Scholzen besaßen das Jagdrecht auf Hasen und Federwild. Sie waren dann zu Wildbrettlieferungen an das Stift verpflichtet.

Nach dem Zinsregister aus dem Jahr 1400 wurden von der Trautliebersdorfer Scholtisei folgende Leistungen an den Abt geleistet:
Für ein später dazu erworbenes Grundstück zinste der Scholze zu Walpurgis ein Schock Groschen. Als Anerkennungszins für seine Scholtisei und das damit verbundene Recht der Niederjagd überreichte er dem Abte zu Weihnachten einen Hasen. Für die Niedergerichtsbarkeit gab er zu Michaelis 3 Bierdung; die Niedervogtei scheint er nicht ausgeübt zu haben.

Namentliche Aufstellung der Scholzen:

Quelle:

  • Taube, Tilmann: Die bäuerliche Führungsschicht im Grüssauer Klosterland von ca. 1550 bis 1750, Selbstverlag 2003


Der Standort der Scholtisei wurde laut Taube bisher noch nicht eindeutig lokalisiert, aber es ist anzunehmen, dass es sich bei dem Gerichtskretscham um das ehemalige Scholzengut handelt.
Die Besitzerfolge stellt sich ab ca. 1550 wie folgt dar:
I.     Generation:      Barthel (Berthold) Berger     Erb- und Gerichtsscholz (EuGS), Bestätigung
                                                                                  durch das Stift Grüssau 1545
II.    Generation:      Daniel Berger                         1595 genannt als EuGS   (* grob 1550)
III.   Generation:  (Zweig A):   Adam Berger         im Urbar von ca. 1620 genannt als EuGS
                             Anmerkung: Nach einer Urkunde des Klosters Grüssau wurde Paul Jachmann im
                              Jahre 1621 mit der Scholtisei belehnt. Diese Urkunde ist seit dem Krieg verloren.
                              Die (erhalten gebliebene) Inhaltsangabe nennt ein Erbe von 6 Ruthen, welches
                              Adam Berger von Adam Menzel zur Scholtisei erkauft hat. Nimmt man für das
                              "Urbar von ca. 1620" das Stichjahr 1620 oder früher an, so wäre das hiermit
                              bestätigt und Paul Jachmann der Nachfolger von Adam Berger oder vielleicht
                              noch eher der zweite Ehemann seiner Witwe.
                           
                              (Zweig B):  Caspar Friese            Bestätigung als EuGS 1630
                              Anmerkung: Caspar Friese hat die Scholtisei zwar 1630 übernommen, aber
                              offensichtlich bis zu seinem Abgang, seinem Tod oder bis 1645 nicht mehr voll 
                              bewirtschaften können, denn das Urbar von 1676 erwähnt, die Scholtisei habe 
                              zwischen 1630 und der Übernahme durch Georg Rieger 1645 "wüst" gelegen.

IV.   Generation:    Georg Rieger                     bis ca. 1645 wohnhaft in Kindelsdorf,
                                                                            ab ca. 1645 EuGS, Verkauf an Heinrich Wietmann 
                                                                            ca. 1676 und Erwerb einer Häuslerstelle als 
                                                                            Altersruhesitz  (* err. 1607,  + 04.06.1681)
V.     Generation:    Heinrich Wiedtmann        zuerst wohnhaft in Kindelsdorf, ab ca. 1676 EuGS,
                                                                            um 1692 Verkauf der Scholtisei an das Stift Grüssau.
                                                                            Danach geht das Richteramt an den jeweiligen Besitzer
                                                                            des Vorwerks/Lehngutes in Trautliebersdorf über.

Das ehemalige Scholtiseigebäude bleibt als Gerichtskretscham bestehen. Am 16.05.1717 brannte er ab. Ein Nachfolgebäude steht noch heute.

Die Gastronomie:

In Trautliebersdorf gab es früher 2 Gasthöfe:
1. Haus Nr. 65                                                   Der Gerichtskretscham
                                                                           (Besitzer: August Pohl, später Marie Stojek)
2. Haus Nr. 93                                                   Gastwirtschaft von Karl Schlake

Haus Nr. 65 - Der Gerichtskretscham (Besitzer: August Pohl, später Marie Stojek)


(Kartenausschnitt von Herrn Stephan Reuß)

Futtermittelbestellung der Familie Stojek vom 15.02.1930.

Neben der Gastwirtschaft wurde auch Landwirtschaft betrieben.

Der frühere Gerichtskretscham (Aufnahme: 2005)

(Bild von Herrn Stephan Reuß)

Der frühere Gerichtskretscham (A