Der Landeshuter Markt

(Verfasser: Hella Tegeler)

Schon im 16. Jahrhundert und zunehmend in den späteren Jahren war Landeshut als Handelsstadt und noch mehr als Herstellungsort für Leinwand aus selbstgewonnenem und selbstgesponnenem Flachs bekannt. Mit diesem Aufschwung verbreitete sich der Ruf seiner Kaufleute und Handelsherren. Der fortschreitende Handel vermehrte den Wohlstand vieler Bürger und schon in den ersten Jahrzehnten nach 1600 fand dieser seinen Ausdruck im Bau großer aus Hartsteinen ausgeführter Häuser. Aus dieser Zeit, sowie aus dem Ende des 17. und der Mitte des 18. Jahrhunderts, stehen in Landeshut mehrere dieser jetzt mehrstöckigen Kaufmannshäuser. Ihre künstlerischen Fassaden, ihre mit hohen Statuen oder Vasen geschmückten Giebel, die großen Dielen im Erdgeschoss in Tonnen- oder Kreuzgewölbebau, die breiten eichenen und hellen Treppen lassen auf den Wohlstand der Erbauer schließen. Die gewölbten Räume des Erdgeschosses dienten nur Handelszwecken, die oberen Stockwerke enthielten die großen Wohnräume für die Familie des Besitzers.

Die alten Landeshuter Häuser stammen in ihren Grundmauern größtenteils aus dem Mittelalter, sicher aber aus der Zeit der Renaissance. Die späteren Jahrhunderte haben im Allgemeinen nur Umbauten, unter Verwendung alter Bauteile, sowie Aufstockungen gebracht. Die jetzt vorhandenen Fassaden weisen auf den Anfang oder die Mitte des 18. Jahrhunderts hin. Der Landeshuter Markt wies in der Glanzzeit der Stadt an allen vier Seiten Lauben auf, später standen solche nur noch an der Nordwestseite. Im Jahre 1844 vernichtete ein großer Brand zahlreiche Häuser am Markt und die Lauben wurden dort nicht mehr aufgebaut.

Wie in vielen anderen schlesischen Städten stand auch in Landeshut urspünglich das Rathaus auf dem Ring, dem Marktplatz. Der Überlieferung nach wurde das 1. Rathaus im Jahre 1564 erbaut. Der Turm war ca. 42 Meter hoch. Bereits 1638 brannten sowohl das Gebäude als auch der Turm ab. Der Neubau erfolgte im Jahre 1660. Am 7. September 1831 stürzte der Rathausturm ein. Das Rathaus wurde 42 Jahre später wegen Baufälligkeit abgerissen. Heute erinnert eine Platte an den Standort dieses Rathauses.

Um das Rathaus herum standen in der Mitte des Marktes bis ca. 1873 zwei massive Gebäude und mehrere Verkaufsbuden. Richtung Böhmische Straße (später Langhansstraße) war an das Rathaus ein massives, schuppenartiges Haus angebaut, die Stadtwaage, in der alle nach außerhalb zu versen-denden Güter von einem städtischen Beamten abgewogen und von hier aus zur Versendung auf Gespanne verladen wurden. Mit der Eröffnung der Eisenbahn, Ende 1869, hörte das auf. Etwas getrennt vom Rathaus, Richtung Hotel "Zum Raben" stand ein anderes Gebäude auf dem Marktplatz, das alte Steuerhaus, das im Jahr 1875 abgerissen wurde. Rings um beide Gebäude befanden sich bis zum Jahre 1873 Verkaufsbuden mit Kaufmannswaren. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts standen nach den Aufzeichnungen eines Chronisten dort 35 Buden, während in noch früherer Zeit die Fleischer, Bäcker, Schuhmacher usw. um beide Gebäude ihres Verkaufsstätten, "Bänke" genannt, hatten.

Bis zum Neubau des Rathauses diente als Provisorium während der Zeit von 1873 bis Ende 1904 ein Gebäude an der Böhmischen Straße (später Langhansstr.)/Ecke Kirchgasse, welches der Familie Semper gehörte. Im Jahre 1904 erfolgte der Neubau des heutigen Rathauses am Obertor, in der Nähe des Marktes. Am 30.11.1904 konnte es feierlich eingeweiht werden.

Der Markt war der Mittelpunkt der Stadt Landeshut. In der Mitte stand das Stolberg-Denkmal, das die Stadt Landeshut zu Ehren des am 8. August 1872 verstorbenen Grafen Eberhard zu Stolberg-Wernigerode errichten ließ. Am 2. September 1879 wurde es feierlich enthüllt. Kaiser Wilhelm I. hatte am 20. Juni 1879 für dieses Denkmal die stolze Summe von 1000 Mark bewilligt. Graf Eberhard hatte sich zu Lebzeiten große Verdienste erworben. Neben seinem Amt als Landrat des Kreises Landeshut war er Vizepräsident des preußischen Herrenhauses und Oberpräsident der Provinz Schlesien. Darüber hinaus gehörte er gemeinsam mit dem Schweizer Henri Dunant zu den Mitbegründern des internationalen Roten Kreuzes und wurde dessen erster Vizepräsident. Um 1914 wurde das Denkmal abgetragen und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Danach befand sich an dieser Stelle eine Anlage mit Springbrunnen, Grünanlagen und Ruhebänken. Der rechteckige Platz wurde umrahmt von Bäumen. Es waren Kastanien- und Lindenbäume immer im Wechsel. Zwei große Gaslaternen sorgten für gute Beleuchtung. Bekannt waren die Markttage, der wöchentliche Markttag am Mittwoch, dann die Jahrmärkte: der Tippelmarkt und der Christbaummarkt mit Weihnachtsmarkt. 

Der Landeshuter Marktplatz um 1822 mit Rathaus und Rathausturm

Diese Platte erinnert an den Standort des 1. Rathauses

Das Stolberg-Denkmal

Der Marktplatz mit Springbrunnen, linke Seite von rechts. Haus Nr. 1 - 6, rechte Seite von rechts: Haus Nr. 32 - 33

Blick vom Markt in die Langhansstraße im Jahr 1965.


1. Haus links: Markt Nr. 1, dahinter Fleischerei Rottke.

Haus Nr. 1

Eigentümer dieses Hauses war Ende des 19. Jahrhunderts Familie Ulber. Julius Ulber betrieb hier eine Kolonial- und Gemischtwarenhandlung. Ein Zweiggeschäft befand sich am Obertor 1. Seine Tochter Käthe Ulber führte das väterliche Geschäft nach der Heirat mit August Mainka weiter. August Mainka war wohl einer der ersten Kaufleute, der in Landeshut Reformwaren anbot. Später befand sich in den Geschäftsräumen das Kaisers-Kaffee-Geschäft.

Haus Nr. 2:

Ursprünglich war dieses Haus im Besitz der Familie Stache. Im Jahre 1863 errichtete Rudolf Stache hier ein Konfektionsgeschäft für Herrenmoden, das später von seiner Ehefrau Auguste weiter geführt wurde. Dieses Geschäft wurde am 1. März 1904 von dem Kaufmann Carl Schrom übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1922 unter Mitarbeit seiner Ehefrau führte. Nach seinem Tod übernahm seine Witwe Margarete Schrom das Geschäft und führte es mit Unterstützung ihrer Tochter, Frau Charlotte Kuboschok und deren Mann sowie ihres Sohnes Werner und dessen Ehefrau weiter. Das Geschäft entwickelte sich in dieser Zeit zu einem angesehenen, bedeutenden Textil- und Modewarenhaus, das einen guten Ruf im Kreise Landeshut hatte. Die Familie Schrom erlitt während des 2. Weltkrieges harte Schicksalsschläge. Im Jahre 1941 starb der Schwiegersohn von Frau Schrom, Herr Kuboschok, und im Oktober 1944 fiel der Sohn Werner in West-Frankreich.

Nach der Vertreibung wagten Margarete Schrom und ihre Tochter Charlotte, verh. Kuboschok, einen bescheidenen Neuanfang. In Olsheim im Kreise Gandersheim eröffneten sie ein kleines Stuben-Textilwarengeschäft. Die Tatkraft wurde bald belohnt, indem sich die Gelegenheit bot, ein Textilwarengeschäft in Bad Gandersheim zu übernehmen, das Frau Schrom mit ihrer Tochter am 1. September 1950 eröffnete. Im Laufe der Jahre entwickelte es sich zu einem sehr florierenden Geschäft.

Haus Nr. 3:

Eigentümer dieses Hauses war seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts die jüdische Familie Cohn, die im Jahre 1822 eine Destillation gründete. Sie wurde später von David Cohn (1803 - 22.03.1885) übernommen. Verheiratet war er mit Dorothea Doktor (1809 - 29.08.1854). Während der Ehe wurden in Landeshut 8 Kinder geboren, von denen 3 Kinder bereits im Säuglingsalter verstarben. Die anderen 5 Kinder zogen in andere Städte, bzw. wanderten nach Amerika aus. In den Adressbüchern der Jahre 1911, 1925 und 1938 ist der Name Cohn nicht mehr verzeichnet.

Nachfolger von David Cohn wurde Alfred Dobschützer, geb. am 03.03.1871 in Militsch. Anfangs nannte er sich noch Dobrzycer, daraus wurde später Dobschützer. Wann die Familie Dobschützer nach Landeshut kam, ist nicht bekannt. Verheiratet war er mit Margarete Engel, die am 16.06.1876 in Lüben geboren wurde. Aus dieser Verbindung stammen 2 Töchter:
1. Käthe Wally Dobschützer                           * 09.04.1899 in Landeshut
   Sie heiratete am 26.07.1931 in Landeshut Max Rothmann, der am 04.08.1888 in Bartschin 
   geboren wurde. Während der Ehe wurde Tochter Laura geboren.
2. Frieda Else Dobschützer                            * 04.11.1900 in Landeshut, verheiratete Marcus

Nach der Heirat seiner ältesten Tochter Käthe führte Alfred Dobschützer die Destille gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Max Rothmann weiter.  In der Landeshuter Synagogengemeinde wirkte Alfred Dobschützer sehr aktiv mit. Viele Jahre war er deren Vorsitzender.
Die Eheleute Alfred und Margarete Dobschützer zählen wie auch ihre Tochter Frieda Else zu den Opfern des Holocaust. Das Ehepaar wurde gemeinsam am 27.07.1942 nach Theresienstadt und am 23.09.1942 nach Treblinka deportiert. Tochter Frieda Else wurde am 04.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Der Familie ihrer ältesten Tochter Käthe Rothmann gelang die Auswanderung nach Amerika.
Die Geschäftsräume der Familien Dobschützer/Rothmann wurden später von der Firma Runge übernommen - Herrenkonfektion aus Görlitz.

Haus Nr. 4:

Dieses Haus war um 1900 im Besitz der Familie des August Artelt. Weithin sichtbar war der Name des Eigentümers oben am Giebel des Hauses angebracht. 1911 wohnten noch Hedwig und Ida Artelt hier. Sie werden im Adressbuch als Privatiere bezeichnet. Hedwig Artelt wird auch noch in den Adressbüchern von 1925 und 1938 aufgeführt.
Um 1911 war in den Geschäftsräumen des Erdgeschosses noch der Consum-Verein untergebracht. Vermutlich vor dem Jahre 1925 wurde Alfred Vogt der Eigentümer. Die Familie Vogt lebte vorher Schömberger Straße 35 in Landeshut. Alfred Vogt betrieb ein Elektrogeschäft mit Installationswerkstatt. Die 1. Etage des Hauses bewohnte das Ehepaar Vogt mit den Töchtern Edith und Dora. Außerdem wohnten in dem Haus noch einige Mieter.

Haus Nr. 3 - Destillation Alfred Dobschützer

Haus Nr. 4 - Elektrogeschäft Alfred Vogt

Haus Nr. 5:

Laut Adressbuch von 1895 war in diesem Haus im Erdgeschoss das Kolonialwarengeschäft C. F. Hiersemenzel untergebracht. Desweiteren befanden sich hier die Färberei und Appreturanstalt Carl & Georg Hiersemenzel. Auf einer alten Ansichtskarte mit dem Poststempel vom 18. Mai 1905 deutlich zu erkennen (s. unten). Später ging das Haus in das Eigentum der Familie Hollstein über. Wann dies geschah, ließ sich nicht ermitteln. Laut Adressbuch des Jahres 1911 war die Witwe Selma Hollstein aber zu diesem Zeitpunkt Eigentümerin. Wahrscheinlich ließ die Familie Hollstein das Haus auch umbauen und um eine Etage erhöhen. Sie betrieb hier eine Drogeriehandlung. Später gehörte das Haus Fritz Klapper, der die Drogeriehandlung übernahm. Das Ehepaar Klapper hatte 3 Kinder, Sohn Gerhard und die Töchter Ingeborg und Mia.

Haus Nr. 6:

Dieses Haus gehörte der Familie des Schneidermeisters Birke. Von seinem verstorbenen Vater Eduard hatte Herbert Birke das Konfektionsgeschäft für Herren- und Knabenmoden sowie Damenbekleidung übernommen. Die Geschäftsräume befanden sich im Erdgeschoss. Angegliedert war eine Werkstatt für Maß- und Änderungsschneiderei. Bis zur Vertreibung war das Haus im Familienbesitz. Das Ehepaar Birke hatte 3 Kinder: Erna, Gerhard und Käthe. Der Sohn gilt seit dem 2. Weltkrieg als vermisst.
Bis 1928 wohnte als Mieter auch Oskar Schubert mit seiner Mutter in diesem Haus. Danach erwarb er Lademannstr. 10 ein eigenes Haus. Er besaß eine Schürzenfabrik. Auch der Kinobesitzer Oswald Böhle bewohnte mit seiner Ehefrau bis ca. 1925 eine Wohnung in den oberen Etagen.

Haus Nr. 5 - Kolonialwarengeschäft Hiersemenzel, später Drogerie Hollstein, danach Klapper (Ansicht von 1905)