Reußendorf (Raszów)

(Verfasser: Hella Tegeler)

Reußendorf liegt 5 km nordwestlich von Landeshut, eingebettet in ein liebliches, kleines Tal unterhalb des Scharlachberges. Dieser kleine Ort befindet sich etwas abseits der Hauptstraße, die von Landeshut über Pfaffendorf, Haselbach und den Schmiedeberger Pass nach Hirschberg führt.

Erstmalig urkundlich erwähnt wird Reußendorf im Jahre 1287. Nach dem schlesischen Regest Nr. 1993 befreit Bolko I., Herzog von Schlesien, Heinrich de Ruzendorf und Hoger mit seinen Brüdern von allen Zahlungen und Leistungen. 1305 wird der Ort unter den bischöflichen Zinsdörfern als "Rysindorf" erwähnt. Über die Herkunft des Namens ist nichts bekannt. Er könnte vom Namen des Lokators stammen oder auch im Zusammenhang mit dem örtlichen Fluss Reußenbach stehen. Laut Zimmermann gehörte das Dorf 1547 Siegmund und Christoph von Czettritz. Ihnen folgten im Jahre 1654 Anna von Schliebitz und Georg Heinrich von Schindel, deren Nachfolger wurde der Freiherr von Zedlitz. Um 1680 war Adam Gotthard von Hündemann Eigentümer von Nieder- Reußendorf. Der nächste namentlich bekannte Eigentümer war um 1785 der Oberleutnant Baron Philipp Gustav Wedig von Eickstect, geboren am 11. Januar 1745 zu Salchow. Nach den Angaben im Familienbuch musste er um 1785 aus Stettin fliehen, um den bedrohlichen Folgen eines Verhältnisses zu entgehen. Er begab sich daraufhin nach Schlesien, wo er Ober- und Nieder- Reußendorf sowie Neudorf besaß. Diese Besitzungen verkaufte er später wieder an den Grafen von Königsdorff. Am 3. Januar 1798 verstarb Eickstedt in Breslau. Der letzte namentlich bekannte Eigentümer des Ortes Reußendorf war der Geheime Finanzrat Grelinger aus Berlin.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Reußendorf 1742 mit dem größten Teil Schlesiens an Preußen. Nach der Neugliederung Preußens gehörte es seit 1815 zur Provinz Schlesien und war ab 1816 dem Landkreis Landeshut eingegliedert, mit dem es bis 1945 verbunden blieb. 1874 - 1945 gehörte die Landgemeinde Reußendorf zum Amtsbezirk Kreppelhof, der 1929 in Amtsbezirk Rohnau umbenannt wurde. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Bewohner war evangelisch. 1925 hatte der Ort 490 Einwohner, davon gehörten nur 19 Personen dem katholischen Glauben an.

Der Gutsbezirk Reußendorf, welcher zur Herrschaft Kreppelhof gehörte, war bis 1945 im Besitz der Familie Stolberg-Wernigerode.

Quellen:
- Anhang aus dem Adressbuch von 1911 des Kreises Landeshut
- Eickstedt, Carl von: Familienbuch des dynastischen Geschlechts der von Eickstedt in Thüringen, 
   Pommern und Schlesien - Verlag von Wichura, Ratibor 1860
- Dr. C. Grünhagen: Regesten zur schlesischen Geschichte, Dritter Teil bis zum Jahre 1300, hrg. vom
   Verein für Geschichte und Alterthum Schlesiens - Josef Max & Comp. Breslau 1886
- Knie, J. G.: Übersicht der Dörfer, Flecken und Städte der königl. preuß. Provinz Schlesien, 1845
- Neuling, Hermann: Schlesiens Kirchorte und ihre kirchlichen Stiftungen bis zum Ausgange des 
   Mittelalters; E. Wohlfahrt`s Buchhandlung, Breslau 1902
- Moritz, Hella (heute Tegeler, Hella): Reußendorf und seine Bewohner, Drensteinfurt 2008, 
   2. Auflage
- Tegeler, Hella: Die Grabkapelle der Schaffgotsch in Reußendorf in: Auf historischer Spurensuche
   im Bobertal 2015/2016, hrg.: Jürgen Schwanitz
- Zimmermann, Friedrich Albert: Beyträge zur Beschreibung von Schlesien, 5. Band, 1785


Blick auf Reußendorf

Blick auf Reußendorf

Die Pfarrkirche mit der Grabkapelle der Familie Schaffgotsch

Die Reußendorfer Kirche, heute eine Filialkirche der Pfarrei Schreibendorf, entstand in der heutigen Form in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Bereits Ende des 14 .Jahrhunderts soll es aber bereits eine Kirche in Reußendorf gegeben haben. Umgeben von einer Ringmauer und mit ihren schießschartenartigen Fenstern sollte sie wohl die Funktion einer Wehrkirche erfüllen. Sie besteht aus einem vierjochigen Langhaus mit Empore, einem quadratischen Turm in der Mittelachse mit verschalter Glockenstube und Spitzhelm. Im 17. Jahrhundert wurde die Ausstattung der Kirche vervollständigt. Aus dem Jahr 1613 stammt das interessante eiserne Taufbecken, welches auf einem Vierfuß steht. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden Umbauarbeiten statt, u. a. wurde der Turm aufgestockt. Die bedeutendste bauliche Veränderung erfolgte aber 1575 durch den Anbau der rechteckigen Grabkapelle der Familie Schaffgotsch auf der südlichen Seite mit einem Durchgang vom Inneren der Kirche.

Im Rahmen der Rekatholisierung wurde die Reußendorfer Kirche am 8. Februar 1654 durch die Reduktionskommission den Protestanten weggenommen und den katholischen Bewohnern des Dorfes übereignet. Die Kirche blieb bis heute in katholischem Besitz, obwohl bis 1945 nur eine einzige Familie des Dorfes katholisch war. Die zuständige Pfarrkirche für die evangelische Bevölkerung war die "Gnadenkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit vor Landeshut". Mit Erlaubnis des Fürstbischofs in Breslau konnte allerdings ab 1851 zwölfmal im Jahr evangelischer Gottesdienst abgehalten werden.

Die Reußendorfer Kirche vor dem endgültigen Abschluss der Restaurierung (Aufnahme: 2015)

Die Reußendorfer Kirche nach Abschluss der Restaurierung

 (Aufnahme: 2016)

Blick auf Altar und Kanzel

Links im Bild das eiserne Taufbecken aus dem Jahr 1613

Die Reußendorfer Grabkapelle für die Kreppelhofer Linie der Familie Schaffgotsch gehört zu den reichhaltigsten und wertvollsten Grabanlagen im Renaissancestil in ganz Niederschlesien. Die Familie Schaffgotsch war reich begütert und gehörte zu den bedeutendsten Adelsfamilien Schlesiens. Mit 140.000 Morgen Land waren die Grafen Schaffgotsch der größte Grundbesitzer Niederschlesiens. Ihnen gehörte fast das gesamte deutsche Riesengebirge. Insbesondere im Hirschberger Land bestimmten sie bis 1945 wesentlich die Geschicke der Region.  Das Geschlecht der Schaffgotsch stammt ursprünglich aus der Mark Meißen, wo seine Stammväter Anfang des 13. Jahrhunderts auftauchten. Die Stammburg war Sollgast an der Schwarzen Elster. Das Stammwappen stellte ein Schaf dar. Das erste nachgewiesene Mitglied der Familie war 1287 Reinhard Schaph.


Grabkapelle mit Blick zur Westwand (Aufnahme: 2016)
(Bild von Jürgen Schwanitz)

Grabkapelle mit Blick zur Ostwand (Aufnahme: 2016)
(Bild von Jürgen Schwanitz)

Eine herausragende Rolle spielte Gotsche II. Schoff (1366 - 1420), der bei Herzog Bolko II. von Schweidnitz-Jauer und dessen Witwe Agnes in hoher Gunst stand. Im Jahre 1375 erhielt Gotsche die Landvogtei zu Hirschberg. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts erwarb er im Iser- und Riesengebirgsvorland umfangreiche Besitzungen, darunter Altkemnitz als einen der Stammsitze der Schaffgotsch, die Herrschaft Greiffenstein mit den Städten Friedeberg und Greiffenberg, die Herrschaft Kynast, zu der später 16 Güter gehörten, deren Erwerb zum Teil auf Gotsche Schoff zurückgeht, 1381 durch Kauf das Gut Warmbrunn und anderes mehr. Im Jahre 1403 stiftete er die Zisterzienserpropstei Warmbrunn. Nach ihm als Begründer der wirtschaftlichen Grundlagen des Geschlechts führte die Familie "Schaff" oder "Schoff" zunächst den Beinamen "Gotsch", später verband sie beide Namen zu "Schaffgotsch". Als erster der Familie bekleidet Gotsches Sohn Hans (1418 - 1469) die Ämter des Kanzlers und Hofrichters sowie seit 1457 auch jenes des Landeshauptmanns des Fürstentums Schweidnitz-Jauer. Während seiner zwei Ehen wurden insgsamt sieben Söhne geboren. Sohn Anton (+ 1508), verheiratet mit Anna von Schönberg, gilt u. a. als Stammvater der Linie Kreppelhof - Reußendorf - Ullersdorf, die im 17. Jahrhundert erloschen ist. Dessen Söhne Anton (+ 1535) sowie Vater und Sohn Hans (+ 1565 bzw. + 1572) waren ebenfalls Kanzler des Fürstentums Schweidnitz-Jauer. Das nachfolgende Foto zeigt das Marmorepitaph für
 o. g. Anton von Schaffgotsch (Bild von Jürgen Schwanitz - Aufnahme: 2016)

Antons Sohn Hans I. Schof der Ältere, Gotsche genannt, ließ "das schöne und fast Fürstliche Hauß Kreppelhof" und "eine schöne Kirche zu Reußendorf unter dem Scharlachwalde" erbauen. Nach seinem Tod (+ 1565) wurde sein Sohn Hans II. Schof der Jüngere, bedingt durch den Tod seines älteren Bruders Ulrich im Jahre 1561, zu seinem Erben und Nachfolger. Noch zu Lebzeiten Hans II. Schof des Jüngeren, also vor dem Jahr 1572, muss der Plan entstanden sein, an die Südseite der Kirche die zweijochige, mit zwei Arkaden geöffnete Grabkapelle anzubauen. Mit ihrem Bau wurde vermutlich Ende der sechziger Jahren begonnen. Der Abschluss der Arbeiten erfolgte jedoch erst 1575 auf Veranlassung der Witwe Margarethe und der zwei Söhne von Hans Schof dem Jüngeren, Heinrich und Johann Christoph.

In der Grabkapelle der Reußendorfer Kirche befinden sich mehrere kostbare Renaissance-Grabsteine. Die repräsentativsten und prächtigsten sind die zwei Tumben-Grabsteine sowie das an der Westwand angebrachte hohe Marmorepitaph (s. Bild oben), das an den Begründer der Kreppelhofer Linie, Anton von Schaffgotsch genannt Röppel, erinnert, der jedoch in Warmbrunn beigesetzt wurde. Es besteht aus einem lebensgroßen Bild des verstorbenen Ritters, der auf einem Löwen steht, einer robusten architektonischen Umrahmung und einer Bekrönung im Flachrelief.

In der Mitte der Kapelle, an der durch das Epitaph für den Begründer der Linie Kreppelhoff bestimmten Achse, wurden zwei Tumbengrabmäler für seine Erben - den Sohn und den Enkelsohn - aufgestellt. Enger am Grabmal für Anton von Schaffgotsch steht die Tumba mit den liegenden Gestalten von Hans I. dem Älteren, 1565 verstorben, und seiner Ehefrau Salome, geborene von Nimptsch, die 1567 starb. Das Ehepaar wurde in einer starren Haltung dargestellt, mit zum Himmel gerichteten Gesichtern und Löwen zu ihren Füßen. Der Löwe wurde in der damaligen Zeit als ein Symbol der Männlichkeit und Tapferkeit angesehen. Salome trägt eine Haube mit Kinnband. Unter der Haube befindet sich ein Tuch zum Abdecken des Kopfes und des Halses. Unter dem langen Mantel sind nur ihre gekreuzten Hände zu sehen. Hans I. trägt einen Mantel mit Ärmeln und Fellkragen sowie eine Haubenmütze. Die Seiten der Tumba schmücken zwei Gedächtnisinschriften sowie vier figürliche Darstellungen im Flachrelief: die Schöpfung der Stammeltern, die Mahnung Gottes an sie, der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies.

Die Eheleute hatten zwei Söhne. Der älteste Sohn Ulrich starb 1561 in Breslau, dessen prächtiges Epitaph sich in der dortigen Elisabethkirche befindet. Der jüngere Sohn Hans II. wurde Erbe und Nachfolger. Auch er und seine Ehefrau Margaretha, geborene von Hochberg, wurden in der Grabkapelle beigesetzt. Die zweite Grabtumba in der Kapelle wurde für dieses Ehepaar errichtet. Hans II. starb im Jahre 1572, seine Ehefrau Margarethe von Hochberg im Jahre 1574. Diese Tumba ähnelt dem Grabmal, das den Eltern Hans II. gewidmet ist. Die Gestalten der Verstorbenen stützen hier jedoch ihre Füße nicht auf Löwen, und an den Seiten der Tumba fehlen biblische Flachreliefs. Stattdessen erscheint dort eine Darstellung eines unter dem Kruzifix knieenden Ehepaares. Die Seite der Tumba des Hans II. schmücken Wappen der Vorfahren seiner Familie, links von Schaffgotsch und rechts von Nimptsch. Ferner befinden sich auch an dieser Tumba Gedächtnisinschriften.

Tumba von Hans I. und Salome, geb. von Nimptsch (Aufnahme: 2016)

(Bild von Jürgen Schwanitz)


Tumba von Hans II. und Margarethe, geb. von Hochberg

 (Aufnahme: 2016)

(Bild von Jürgen Schwanitz)

Zwei Wände der Grabkapelle - die südliche und die östliche - schmücken 13 Grabplatten mit Inschriften, Wappen und Reliefporträts der in verschiedenem Alter verstorbenen Frauen sowie zum Gedenken an verstorbene Kinder. Überwiegend handelt es sich um Mitglieder der Familie Schaffgotsch. Allein 6 Grabplatten sind dem Gedenken an die verstorbenen Söhne und der Tochter Anna des Heinrich Schaffgotsch gewidmet, Sohn der Eheleute Hans II. und der Margarethe von Hochberg. Dieser war mit Anna, geb. von Nimptsch, verheiratet, die am 10. April 1606 verstorben ist. Ihre hier abgebildete Grabplatte wurde neben der ihrer Tochter Anna angebracht, die im Alter von 22 Jahren verstarb. Die Grabplatten der Kinder stellen diese in stehender Position in ganzer Pracht dar. Sie sind in ein langes Kleid gekleidet, mit einem Kreuz auf der Brust oder in der Hand. Verschiedene tragen auf dem Kopf ein Kränzchen. Die Grabplatten der Frauen zeigen die Veränderungen der Damenmode am Anfang des 17. Jahrhunderts. Sie zeugen von der gesellschaftlichen Stellung, der Eleganz der Damen und ihrem Streben nach Neuem.

Zwei Grabplatten sind Frauen gewidmet, die alten schlesischen Adelsgeschlechtern angehören. Welche Verbindung allerdings zu dem Hause Schaffgotsch besteht, konnte nicht ermittelt werden. Der erste Grabstein erinnert an Maria Tschirnhaus, geb. Falkenhain, die am 11. Februar 1621 verstorben ist, Ehefrau des verstorbenen Heinrich Tschirnhaus. Dies ist der einzige Grabstein, der keine Familienwappen enthält. Auch die Grabplatte eines 1614 im Säuglingsalter verstorbenen Sohnes des Ehepaares Tschirnhaus befindet sich in der Grabkapelle. Die Tschirnhaus sind ein altes Adelsgeschlecht aus der Oberlausitz, Schlesien und Böhmen, denen von 1494 - 1532 das Bolkenhayner Burglehen gehörte. Der zweite Grabstein erinnert an Helena Rothkirch, die am 1. August 1616 im Alter von 45 Jahren verstarb. Die Familie Rothkirch gehört einem alten schlesischen Adelsgeschlecht an, dessen Stammhaus Rothkirch in der Nähe von Liegnitz liegt.

Eine Grabplatte ist Jeremias Ullmann gewidmet, dem Sohn des damaligen Reußendorfer Pastors Jeremias Ullmann. Pastor Jeremias Ullmann übte bis zum bitteren Ende am 8. Februar 1654 sein Amt aus. Er war somit der letzt evangelische Pastor in Reußendorf. Von besonderer Bedeutung sind auch die Grabplatten, die dem Gedenken an Adam Gotthard von Hündemann und seiner Ehefrau Kunegunda, geb. Reibnitz, gewidmet sind. Anhand seines Grabsteines wird deutlich, dass Adam Gotthard von Hündemann im 3. Viertel des 17. Jahrhunderts Eigentümer von Nieder-Reußendorf war. Er verstarb am 9. Juli 1688 im Alter von 46 Jahren. Seine Ehefrau überlebte ihn um 38 Jahre.

Mit dieser Grabkapelle der Familie von Schaffgotsch beherbergt Reußendorf einen wahren kulturellen Schatz. Sie steht beispielhaft für das Totengedenken des reichen Landadels in der Renaissance.

Maria Tschirnhaus, geb. Falkenhain (Aufnahme: 2016)

Helena Rothkirch (Aufnahme: 2016)

Anna Schaffgotsch, geb. von Nimptsch und Tochter Anna (von links)
(Aufnahme: 2016)

Jeremias Ullmann, Sohn des Reußendorfer Pastors Jeremias Ullmann)

(Aufnahme: 2016)

Die evangelische Schule:

In Reußendorf gab es eine evangelische Schule. Wegen der geringen Anzahl der katholischen Einwohner (1 Familie) wurden auch die katholischen Kinder in dieser Schule unterrichtet, allerdings erhielten sie getrennten Religionsunterricht. Es handelte sich um eine dreiklassige Schule. Wann das Schulgebäude errichtet wurde, ist nicht bekannt. Es war aber ein relativ neuer Bau, der massive Mauern aufwies. In diesem Haus befand sich auch, wie allgemein üblich, die Wohnung des Hauptlehrers.

Die evangelische Schule in Reußendorf

Lehrer Ernst Duckhorn mit seinen Schülerinnen und Schülern des Jahrganges 1913

(Die Aufnahme entstand anlässlich der 100. Gedenkfeier an die Freiheitskriege von 1813)

Lehrer Ernst Biedermann mit seiner Schulklasse der Geburtsjahre 1920, 1921 und 1922 (links abgebildet die Lehrerin Frau Gerstmann)

Die Lehrer Robert Müller und Frau Lowack mit Schülerinnen und Schülern (Aufnahme: um 1936)

Lehrer Robert Müller sorgte nicht nur für die geistige Bildung seiner Schüler. Er unterrichtete sie auch in praktischen Dingen. Im Garten des Schulhauses konnten sie Erfahrungen in der Gartenarbeit sammeln, die ihnen später zugute kommen sollten. Die "Ernte" wurde stolz verkauft und vom Erlös wurden neue Gartengeräte angeschafft.

Schulausflug zur Schneekoppe

Das Sühnekreuz in Reußendorf:

Sühnekreuze sind Denkmale mittelalterlichen Rechts. Sie geben einen Hinweis auf ein Verbrechen, auf einen Totschlag oder einen Mord. Der überwiegende Teil der Sühnekreuze ist in Kreuzform gestaltet, oftmals ist auch die Mordwaffe in den Stein gehauen. In der mittelalterlichen Zeit, als vielerorts noch das Recht des Stärkeren galt, glaubte man, dass die Seele des Erschlagenen keine Ruhe finden würde, dass sie als Irrlicht oder Gespenst solange herumirren würde, bis eine Bestrafung des Täters erfolgt und bestimmte Auflagen erfüllt seien. Die Partei des Täters wie auch des Opfers einigte sich - oft über dem Grab des Erschlagenen - auf eine weltliche und kirchliche Buße, die auch zur "Entsühnung" des Täters und zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft führen sollten. Die weltliche Buße bestand u. a. aus dem eigenhändigen Schlagen eines "Sühnekreuzes" aus einem schweren Natursteinbrocken. Dass die "Sühnekreuze" nie den Namen des Steinmetzes tragen, ist daher nur verständlich.

In Reußendorf befindet sich im Niederdorf an der alten Landeshuter Straße ein solches Sühnekreuz (s. Bild unten). Es war viele Jahrzehnte vergessen, wurde im Jahre 1927, von Rasen und Wildrosen überwachsen, wieder aufgefunden und nach einer Restaurierung wieder aufgerichtet. Die Inschrift war allerdings nicht mehr lesbar. Nach einer Überlieferung soll vor langer Zeit ein Metzgergeselle dort eine Kuh nach Landeshut zum Schlachthof geführt haben. Der mitgeführte Hund des Meisters bellte laut und sprang die Kuh an. Der Geselle nahm seinen mitgeführten Knüppel und schlug auf den Hund ein. Er traf ihn unglücklich und der Hund blieb tot liegen. Der in einiger Entfernung folgende Meister war sehr erbost und nahm nun auch den Knüppel und schlug fest auf den Gesellen ein, bis dieser ebenfalls tot umfiel. Das Kreuz sollte also an den Toten erinnern.

Das Kriegerdenkmal:

Zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkrieges wurde auch in Reußendorf Mitte der 1920er Jahre ein Denkmal errichtet, das allerdings heute nicht mehr vorhanden ist.

Die Freiwillige Feuerwehr:

Gegründet wurde die Freiwillige Feuerwehr in Reußendorf erst nach 1900. Aber auch vor dieser Zeit war es für jeden Reußendorfer eine Selbstverständlichkeit, im Brandfall dem Nächsten zu helfen, getreu nach dem alten Wahlspruch:
                                                              "Gott zur Ehr`, dem Nächsten zur Wehr,
                                                                     Einer für Alle - Alle für Einen.
                                                                                  Gut Wehr!"

Es bestand die Pflicht, dass jedes Haus im Besitz einer langen Leiter, eines Feuerhakens und eines ledernen Feuereimers sein musste. Bei einem Brand wurden die mit Wasser gefüllten Ledereimer in langen Schlangen von Hand zu Hand bis zum Brandherd weitergereicht. Daran beteiligten sich Männer und Frauen jeden Alters. Der Feuerhaken diente dazu, Mauerreste bei einem Brand umzustoßen.  Im Spritzenhaus befand sich der Löschwagen, der von Pferden gezogen wurde. In den Anfangsjahren besaß die Spritze keine Schläuche, so dass so nahe wie möglich an die Brandstelle herangefahren werden musste. Aus den Eimern wurde das Wasser in den Kessel gegossen, dann wurde gepumpt. Ein Mann stand auf der Spritze und lenkte den Wasserstrahl in das Feuer. In späteren Jahren erhielt die Feuerwehr zwar eine Spritze mit Schläuchen, die Pumpe war allerdings nach wie vor von Hand zu bedienen. Erst im Jahr 1935 wurde diese Handpunpe durch eine Benzinmotorspritze ersetzt.

Auf dem folgenden Bild Bild befindet sich rechts das frühere Reußendorfer Spritzenhaus.

Die Freiwillige Feuerwehr im Jahr 1913

Die Freiwillige Feuerwehr mit der neuen Benzinmotorspritze
 im Jahre 1935

Die Gastronomie:

In Reußendorf gab es bis 1934 insgesamt 3 Gasthäuser:
1.  Haus Nr. 11                                        Der "Gerichtskretscham"
2.  Haus Nr. 57                                      Gasthof Schildbach
3.  Gutsbezirk Reußendorf                  Gasthaus "Zur Esche"  


Haus Nr. 11 - Der "Gerichtskretscham"
(Besitzer: Eduard Neumann, ab 1909 Gustav Kienz)

Haus Nr. 11 - Der "Gerichtskretscham"

(Besitzer: Eduard Neumann, ab 1909 Gustav Kienz)

Haus Nr. 57 - Gasthof Schildbach 

(Besitzer: Karl Schildbach, später Sohn Hermann Schildbach)

Gutsbezirk Reußendorf - Gasthaus "Zur Esche"

 ( Pächter: August Kretschmer)

Im Jahr 1934 ging das Gasthaus in den Besitz des Schwiegersohnes Fritz Stiller und dessen Ehefrau Hedwig, geb. Kretschmer, über. Da das Ehepaar die Gastwirtschaft jedoch nicht weiterführen wollte, wurde diese aufgegeben und geschlossen. Das Haus diente danach ausschließlich zu Wohnzwecken.


Ganz rechts: Haus Nr. 5 - Familie Wilhelm Bettermann
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 8 - Familie Heinrich Kluge
(Aufnahme: 2015)

Haus Nr. 9 - Familie Hermann Wittig
(Aufnahme: April 2006)

Haus Nr. 10 - Familie Reichstein

Haus Nr. 12 - Familie Gustav Krebs
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 14 - Familie Kurt Bettermann

Haus Nr. 15 - Familie Gustav Opitz

Haus Nr. 20 - Familie Heinrich Teichmann
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 21 - Familie Heinrich Opitz
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 24 - Familie Heinrich Kluge
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 24 - Familie Heinrich Kluge
(Aufnahme: 2016)

Haus Nr. 26 - Familie Paul Skoda
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 27 - Familie Robert Güttler
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 31 - Familie Eduard Jäckel
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 33 - Familie Heinrich Röhricht

Haus Nr. 34 - Familie Stenzel

Haus Nr. 35 - Familie Karl Wick
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 36 - Familie Wilhelm Breiter

Haus Nr. 36 - Familie Breiter vor ihrem Haus

Haus Nr. 37 - Familie Langer (Aufnahme: Oktober 1938)

Haus Nr. 39 - Familie Hermann Vogt
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 41 - Familie Paul Seidel (Aufnahme: ca. 1910)

Haus Nr. 42 - Der Kindergarten
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 43 - Familie Gustav Alt
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 45 - Familie Gustav Röhricht
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 46 - Familie Hermann Rummler (Aufnahme: ca. 1912)

Haus Nr. 46 - Familie Hermann Rummler (Aufnahme: ca. 1920)

Haus Nr. 48 - Familie Hermann Bettermann

Rechts: Haus Nr. 51 - Familie Richard Fischer;
links: Haus Nr. 52 - Familie Alfred Kienz
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 52 - Familie Alfred Kienz

Haus Nr. 56 - Familie Fritz Koppe (Koppe-Schmiede)

Haus Nr. 56 - Schmiedemeister Fritz Koppe 
mit Familie und Angestellten

Im Hintergrund: Haus Nr. 60 - Familie Willi Rummler
(Aufnahme: 2002)

Links: Haus Nr. 63 - Familie Heinrich Schmidt
(Aufnahme: 2002)

 Haus Nr. 64 - Familie Hermann Seidel
(Aufnahme: 2002)

 Haus Nr. 65 - Familie Martin Opitz
(Aufnahme: 2002)

Links: Haus Nr. 66 - Familie Heinrich Müller
(Aufnahme: 2002)

 Haus Nr. 67 - Familie Gustav Rummler
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 68 - Familie Heinrich Wenzel (Aufnahme: ca. 1920)

Haus Nr. 68 - Familie Heinrich Wenzel (Aufnahme: ca. 1925)

Haus Nr. 70 - Familie Hermann Bettermann
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 70 b - Altenteilshaus der Familie Bettermann
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 73 - Familie August Köhler
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 76 - Bäckerei und Kolonialwarenhandlung Wilhelm Kluge

Haus Nr. 76 - Bäckerei und Kolonialwarenhandlung Wilhelm Kluge

Haus Nr. 76 - Bäckerei und Kolonialwarenhandlung Wilhelm Kluge
(Aufnahme: 2016)

Haus Nr. 79 - Familie Heinrich Kienz

Haus Nr. 80 - Familie Gustav Röhricht
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 81 - Familie Friedrich Hamann
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 85 - Familie Gustav Wehner
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 87 - Familie August Rudolph
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 94 - Familie Walter Rummler
(Aufnahme: 2002)

Haus Nr. 98 - Familie Alfred Röhricht

Haus Nr. 100 - Familie Paul Kobsch
(Aufnahme: 2016)

Das Försterhaus
(Aufnahme: 2002)

Das Försterhaus
(Aufnahme: 2016)

Gutsbezirk Reußendorf:

Zum Gutsbezirk Reußendorf gehörten neben umfangreichen Ländereien die Oberförsterei mit Forsthaus, das Gasthaus "Zur Esche", der Oberhof und der Niederhof. Besitzer war Graf zu Stolberg-Wernigerode. Zum 30.09.1928 wurde der Gutsbezirk aufgelöst und in die Landgemeinde Reußendorf eingegliedert.
Die Oberförsterei führte die Bezeichnung "Gräflich zu Stolberg-Wernigerodsche Forstverwaltung. Hier wurden laufen junge Förster ausgebildet. In der Oberförsterei stand dem jeweiligen Oberförster eine Wohnung zur Verfügung.

Die Oberförsterei (Aufnahme: ca. 1910)

Die Oberförsterei (Aufnahme: 2002)

Bilder aus dem Alltagsleben:

Junge Reußendorfer beim Sonntagstreff vor ihrer ehemaligen Schule

Reußendorfer Frauen beim Hauswirtschaftskurs in der Landwirtschaftsschule in Landeshut

Hochzeit in Reußendorf (Aufnahme: 1910)

Hochzeit in Reußendorf  - das Brautpaar fährt mit seinen Gästen zur Trauung in die Gnadenkirche nach Landeshut (Aufnahme: 1943)

"Sommersingen" in Reußendorf:

Der Sonntag "Lätare", der 3. Sonntag vor Ostern, war in Schlesien der "Sommersonntag". Nach althergebrachter Volkssitte fand an diesem Tag das "Sommersingen - Summersinga" statt. In den Morgenstunden des "Sommersonntags" gingen die Kinder "sommern", d. h. sie zogen in kleinen Gruppen die Dorfstraße entlang, gingen von Haus zu Haus und sangen ihre "Sommerlieder", um dafür Gaben zu erhalten. Außer einem Körbchen oder Säckchen trugen sie in den Händen den allerschönsten "Sommer", den sie entweder selber oder mit Hilfe der Mutter daheim gebunden hatten. Der sog. "Sommer" war ein Stecken, der mit bunten Bändern verziert war und an seinem oberen Ende ein Sträußchen von Papierblumen und Tannenreislein trug. Als sangeslustige Sommerboten zogen so die Kinder durch das Dorf, um den Sieg der Sommerzeit zu verkünden
(s. folgendes Bild).

Lebensmittelkarten während der Kriegszeit:

Während der Kriegszeit waren alle Dinge des täglichen Lebens rationiert. Für Lebensmittel gab es Karten, die alle vier Wochen ausgegeben wurden. In der Kartenmitte war ein Feld zur Eintragung der Nummer der Haushaltungsliste vorgesehen. Ringsherum waren kleine Abschnitte für die Lebensmittel angeordnet. Der Kluge-Bäcker (Haus Nr. 76) musste die einzelnen Abschnitte mit der Schere abschneiden und diese gut verwahren. Abends saß die ganze Familie Kluge dann zusammen, um die vielen verschiedenen Abschnitte - getrennt nach Sorten - auf einen DIN A 4-Bogen zu kleben. Die beklebten Bögen wurden anschließend bei dem zuständigen Amt in Landeshut eingereicht. Je nach aufgeklebter Zahl wurde danach die Ration bemessen, die Wilhelm Kluge beziehen konnte. Jeden Dienstag bekam die Familie Kluge bei dieser mühseligen Tätigkeit Unterstützung.

Brotkarte

In der Wohnstube des Kluge-Bäckers